Verbindung des Alten und Neuen Testaments im Ereignis der Beschneidung des Herrn: Erfüllung als Überwindung
Das Ereignis der Beschneidung des Herrn (Lk. 2:21) ist ein einzigartiges theologisches Knotenpunkt, in dem der Alte und Neue Testament nicht nur berühren, sondern in ein paradoxes Verhältnis von Erfüllung-Überwindung treten. Dieser Akt ist nicht ein zufälliger Episoden des Kindheit Jesu, sondern ein programmatisches theologisches Statement, das die Kontinuität und die radikale Neuerung des christlichen Offenbarung offenbart. Durch ihn wird die Essenz der Mission Christi formuliert: nicht den Gesetz zu zerstören, sondern es so zu erfüllen, dass eine neue Realität des Bundes geöffnet wird.
1. Die Beschneidung als Siegel des Alten Testaments und sein Krisis.
Die alttestamentliche Beschneidung (brit mila) wurde als ewiger Zeichen des Bundes zwischen Gott und Abraham (Gen. 17:9-14) eingeführt. Es bedeutete:
Zugehörigkeit zum auserwählten Volk, physisches «Versiegeln» in der Gemeinschaft.
Verpflichtung, den ganzen Gesetz zu befolgen (Gal. 5:3).
Symbol der Trennung (von den unbeschnittenen Völkern) und der Weihe Gott.
Aber im 1. Jahrhundert n. Chr. nahm in der jüdischen Gesellschaft das Verständnis zu, dass der äußere Zeichen ohne innere Veränderung des Herzens unzureichend ist. Die Propheten sprachen bereits von der «Beschneidung des Herzens» (2. Könige 10:16, Jer. 4:4). Somit enthielt der Ritual selbst eine innere Spannung zwischen Buchstabe und Geist, äußerem Zeichen und innerer Realität.
2. Christus als «Ende des Gesetzes» (Röm. 10:4) durch seine vollständige Erfüllung.
Im Kontext dieses Ereignisses erhält die Beschneidung des Herrn mehrere Ebenen der Bedeutung:
Akt vollständigen Gehorsams und Kénosis: Jesus, der «unter dem Gesetz geboren» (Gal. 4:4) ist, nimmt freiwillig seine Last auf sich. Dies ist das äußerste Ausdruck der Demut (Kénosis): Der Sohn Gottes unterworfen sich einem von Menschen gegebenen Establishment. Er stellt sich nicht über das Gesetz, sonder ...
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