Arbeitsethik und Christentum: Von der alttestamentlichen Gebot zur protestantischen Berufung
Die christliche Auffassung von der Arbeit durchläuft eine komplexe Evolution, in der mehrere Schlüsselparadigmen hervorgehoben werden können: von der antiken Vorstellung von der Arbeit als Fluch bis zur Auffassung als göttliches Berufung, asketischer Herausforderung und schließlich Dienst am Nächsten. Diese Ethik ist nicht monolithisch und variiert je nach konfessioneller Tradition und historischem Kontext.
Biblische Grundlagen: Der Paradoxon der Arbeit als Strafe und als Mitgestaltung
Die Keime der christlichen Arbeitsethik sind in der alttestamentlichen Tradition verankert.
Arbeit als Folge des Sündenfalls. In der Genesis (3:17-19) wird die Arbeit als schweres Last, ein Fluch der Erde dargestellt: «du wirst von dem Säue des Gesichts des Bodens Brot essen». Hier ist die Arbeit kein Gut, sondern ein Zeichen der verloren gegangenen paradiesischen Harmonie zwischen Mensch und Natur.
Arbeit als Teilnahme am Plan des Schöpfers. Allerdings wird die Arbeit bereits im Alten Testament, insbesondere in den Sprüchen, als Quelle von Weisheit, Wohlstand und Tugend gepriesen, wird dem Faulheit entgegengesetzt («gehe zum Ameisenmännchen, Faulenzer...» Sprüche 6:6). Die Arbeit des Handwerkers und des Schreibers wird verehrt (Ecclesiastiker 38:24-34). Der Mensch, der den Boden bebaut, führt das Werk des Schöpfers fort, ordnet den Chaos.
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