Levinas über den Hund als Vermittler der Sozialisierung: das Tiergesicht und die Ethik der Verantwortung
Einführung: Das Tier in der Phänomenologie des Anderen
Emmanuel Levinas (1906–1995), französischer Philosoph jüdischer litauischer Herkunft, ist durch seine radikale Ethik bekannt, die sich um die Konzeption des Anderen (l’Autre) dreht. In seinem System tritt der Andere in der Erfahrung des Gesichts (visage) auf, dessen schutzlose Blicke eine unbedingte ethische Verantwortung auf das "Ich" aufzwingt. Die Frage, ob dieser Status auf Tiere übertragen wird, bleibt eine der umstrittensten in der Levinas-Forschung. Dennoch enthält sein spätes Essay "Nom d’un chien" (1975) einen beeindruckenden Abschnitt, in dem der Hund nicht nur ein Tier, sondern ein Vermittler und Katalysator der menschlichen Sozialisierung, der dem degenerierten Menschen sein ethisches Maß zurückgibt.
Kontext: Der Lagerhund Bobby
Levinas baut seine Überlegungen auf einem persönlichen Erlebnis auf — Erinnerungen an das Konzentrationslager Stalag XI-B, wo er mehrere Jahre lang als französischer Soldat jüdischer Herkunft verbracht hat. In diesem Lager wurden die Juden von den anderen Gefangenen getrennt und von den Wächtern sogar das "Recht" verweigert, als Menschen betrachtet zu werden; sie wurden mit der Abkürzung "PJ" ("prisonnier juif") gekennzeichnet. In diesem Raum der totalen Entmenschlichung, wo der Mensch auf eine Nummer reduziert und in den Augen anderer sein Gesicht verloren hat, tritt ein Hund auf — ein Strassenhund namens Bobby.
Schlüsselmoment: Bobby, im Gegensatz zu den Wächtern, erkannte die Gefangenen als Menschen. Er begrüßte sie freudig am Abend, als sie von der Arbeit zurückkamen. Für Levinas wurde dieser Hund eine Kreatur, die "zum letzten Mal auf europäischem Boden" ihre Menschen erkannte.
Der Hund als "erster ethischer Subjekt"
Unter den Lagerverhältnissen zerstört sich die gesamte menschliche Sozialisierungssysteme, die auf Sprache, Recht, Kultur basiert. Die deutschen Wächter, ...
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