Spranger über den dritten Humanismus: Kritik des "Museumsgeschmacks" und die Suche nach einer neuen Anthropologie
Im Kontext des intellektuellen Krisis der europäischen Kultur in den 1920-1930er Jahren, parallel zur Konzeption des "dritten Humanismus" Werner Jaegers, entstand eine originale und scharfe Interpretation dieser Idee, die dem deutschen Philosophen und Pädagogen Eduard Spranger (1882–1963) gehört. Wenn Jaeger das Heil in der Rückkehr zum antiken Ideal der Päideia als formgebender Kraft sah, so unterzog Spranger den klassischen Humanismus radikaler Kritik und schlug seine, anthropologisch begründete Version des "dritten Humanismus" vor, die sich den Herausforderungen der Moderne zuwendet.
Kritik des "zweiten Humanismus" und Diagnose des Krisis
Spranger, einer der führenden Vertreter der Lebensphilosophie und Geisteswissenschaftliche Pädagogik (Pädagogik, die auf den Wissenschaften vom Geist basiert), formulierte in seiner Arbeit "Philosophie der Jugend" (1924) und anderen Texten einen harten Diagnose. «Zweiter» oder nichtogumänistischer Ideal des 18. und 19. Jahrhunderts, seiner Meinung nach, hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts in ein formales, «Museumsgeschmack» verkommen. Die klassische Kultur war in eine Sammlung toter Vorbilder für Nachahmung verwandelt, in einen aestetisierten Kanon, ohne Lebenskraft. Der Unterricht der antiken Sprachen wurde zu einem Selbstzweck, einem rhetorischen Übung, abgetrennt von den realen Problemen der werdenden Persönlichkeit. Dieser «Museumshumanismus» erwies sich als ohnmächtig vor dem Gesicht des Nihilismus, des technokratischen Denkens und der sozialen Unruhen, die nach dem Ersten Weltkrieg folgten.
Der dritte Humanismus als Pädagogik der «geistigen Formen» und des «aktiven Menschen»
Die Antwort Sprangers war der «dritte Humanismus», der das Entfremdung zwischen kulturellem Erbe und Leben überwinden sollte. Sein Kern war nicht die Rekonstruktion des antiken Kanons, sondern die pädagogische Anthropologie, die sich auf ...
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