Indianer in Kanada: von kolonialen Traumata zum Weg der Selbstbestimmung
Einleitung: Terminologie und Demografie
In Kanada sind offizielle Begriffe für die indigenen Völker verankert, die im Verfassungsgesetz von 1982 festgelegt sind: „First Nations“ (Erste Nationen) – Indianervölker (ohne Inuit und Métis), „Inuit“ – indigene Völker der Arktis, und „Métis“ – Nachkommen gemischter Ehen zwischen Europäern und Indianern. Zusammen werden sie als „Indigenous Peoples“ (Ureinwohner) bezeichnet. Das sind über 1,8 Millionen Menschen, etwa 5 % der Bevölkerung des Landes, die mehr als 600 anerkannte Gemeinschaften (First Nations Bands) vertreten und über 70 Sprachen sprechen. Ihre Geschichte ist eine Geschichte von Widerstand, Anpassung und einem komplexen Weg zur Wiederherstellung von Rechten innerhalb des modernen kanadischen Staates.
Historisches Trauma: Reservatssystem und Internatsschulen
Ein zentraler Mechanismus der kolonialen Politik wurde das „Indian Act“ von 1876, das bis heute das grundlegende Gesetz ist, das die Beziehungen zwischen Staat und First Nations regelt (wenn auch vielfach geändert). Es etablierte das Reservatssystem – isolierte Gebiete, in denen Indianer faktisch eingesperrt, ihrer Bürgerrechte und Kontrolle über Ressourcen beraubt wurden. Die Reservatsländer gehören der Krone, die Gemeinschaften haben nur Nutzungsrechte.
Die zerstörerischste Institution waren die Internatsschulen (Residential Schools), die von den 1880er bis in die 1990er Jahre existierten. Unter dem Motto „den Indianer im Kind töten“ wurden Kinder gewaltsam von ihren Familien getrennt, durften nicht in ihrer Muttersprache sprechen und ihre Kultur nicht praktizieren, und wurden physischer, emotionaler und sexueller Gewalt ausgesetzt. Ziel war die gewaltsame Assimilation.
Das Ausmaß des Traumas: Etwa 150.000 Kinder durchliefen dieses System. Die offizielle Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission, 2008–2015) erkannte dies als kulturellen Genozid an.
Folge ...
Читать далее