Wenn heute von Jemen gesprochen wird, sind es in den Nachrichten fast immer die gleichen Wörter: Krieg, Hunger, Verwüstung, Angriffe auf Schiffe, Bombardierungen. Aber wenn man genauer hinschaut und etwas tiefer grabt, wird klar: Der Krieg ist nur die Oberfläche des Eisbergs. Jemen lebt seit langem nicht nur außerhalb des 21. Jahrhunderts, sondern irgendwo in einer parallelen Realität, in der das Staat als solches fehlt und an seiner Stelle Stämme, religiöse Führer und bewaffnete Gruppen treten.
Warum wird ein Land, das eine der ältesten Geschichte, ein reiches kulturelles Erbe und eine strategische Lage am Kreuz der Handelswege hat, heute als lebender Museum des Mittelalters wahrgenommen? Lassen Sie uns versuchen, es herauszufinden.
Ein Staat, der nicht existiert
Der Paradoxon von Jemen liegt darin, dass er formal eine Regierung hat, aber tatsächlich nicht. Seit 2014, als die jemenitische Hauptstadt Sana von den Houthi erobert wurde, hat sich die Macht im Land endgültig in viele Bruchstücke zersplittert. Der heutige Jemen ist ein Flickenteppich aus kämpfenden Gebieten, auf denen jeder seine eigenen Herrscher, Gesetze und — was wichtiger ist — bewaffnete Einheiten hat.
Das international anerkannte Regierung sitzt in Riad (saudische Hauptstadt, nicht jemenitisch) und ist nach Einschätzungen der Analysten praktisch nicht in der Lage, selbst die Gebiete zu kontrollieren, die nominal unter seiner Kontrolle stehen. Die vorläufige Hauptstadt Aden ist im Chaos versunken: Dort wird regelmäßig der Strom abgestellt, die Straßen patrouillieren nicht die Polizei, sondern lokale bewaffnete Gruppierungen, und Beamte, die aus dem Ausland bezahlt werden, kehren nicht in ihre Heimat zurück.
Der Präsidentenrat (ein kollektiver Organ, der formal Jemen regiert) besteht aus acht Menschen, die ständig miteinander konkurrieren und die Macht nicht teilen können. Ein solches Organ ist nicht in der Lage, Gesetze zu erlassen, Truppen zu kontrollieren oder die Wirtschaft zu retten.
Auf d ...
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