Judentum und sein Beitrag zur Kultur der Menschheit: Von der monotheistischen Revolution bis zur Moderne
Einführung: Kultur als Gebot
Der Beitrag des Judentums zur Weltkultur ist fundamental und paradox. Obwohl es eine Religion eines relativ kleinen Volkes (etwa 15-16 Millionen Menschen heute) ist, hat es unproporional großes Einfluss auf die Gestaltung der westlichen und in gewissem Maße der globalen Zivilisation gehabt. Dieses Einfluss wurde nicht durch imperiale Expansion oder Massenkonversion realisiert, sondern durch mächtige intellektuelle, ethische und narrativen Innovationen, die von zwei Weltreligionen – Christentum und Islam – und später auch von der säkularen Geisteswelt übernommen und weiterentwickelt wurden. Judentum hat dem Menschen nicht nur einen Satz von Riten vorgeschlagen, sondern eine neue Betriebsystem für das Verständnis der Welt, der Zeit, der Geschichte und der menschlichen Person.
Theologisch-ethische Revolution: Monoteismus, Geschichte und Gesetz
Der tiefste Beitrag liegt im Bereich der Metaphysik und Ethik.
Radikaler Monoteismus und Desakralisierung der Natur: Im Gegensatz zu polytheistischen und animistischen Systemen hat der biblische Judentum Gott als transzendenten Schöpfer, der persönlich und ethisch orientiert ist, verkündet. Dies führte zur «Entzauberung der Welt» (nach Max Weber): Die Natur wurde nicht mehr von kapriziösen Geistern bevölkert und wurde zur Arena menschlicher Verantwortung. Dies schuf die weltanschauliche Grundlage für die zukünftige Entwicklung der Wissenschaft und des rationalen Verhältnisses zur Welt.
Lineare Geschichte: Der jüdische Monotheismus setzte sich dem zyklischen Zeitdenken mythologischer Kulturen entgegen und vertrat die Idee einer linearen, zielgerichteten Geschichte, die von der Schöpfung zu einem bestimmten Ziel (eschaton) führt. Geschichte erhielt einen Sinn als Feld der Realisierung des Bundes zwischen Gott und Mensch, als Bühne göttlichen Offenbarungen und menschlicher Wahl. Diese Modell wurde zur ...
Читать далее