Soutine und Modigliani: ein Symbios von Leidenschaften am Montmartre
Einführung: die Mythologisierung des bohemischen Brudergeschwisters
Die Beziehung zwischen Haim Soutine (1893–1943) und Amedeo Modigliani (1884–1920) hat lange über die Freundschaft hinausgegangen und sich zu einer der zentralen Mythologemen der Pariser Kunstszene der 1910er Jahre entwickelt. Ihr Bündnis, das nur etwa fünf Jahre dauerte, wurde zum Symbol des kreativen Brudergeschwisters, der gegenseitigen Unterstützung in extremen Armutslagen und des ästhetischen Dialogs, der außerhalb der Hauptströmungen des Avantgardes stattfand. Eine kunstwissenschaftliche Analyse dieser Beziehung ermöglicht es, historische Fakten von späteren romantischen Überlagerungen zu trennen und ihre tatsächliche Bedeutung für die kreative Entwicklung beider Künstler zu erkennen.
Sozial-biografischer Kontext: die Randgruppen des Montmartre
Beide Künstler gehörten zur Gruppe der «unsichtbaren» Bewohner des Montmartre — Emigranten, die Schwierigkeiten hatten, sich in die französische Gesellschaft und den Kunstmarkt zu integrieren. Soutine, ein gebürtiger Bewohner des belarussischen Stettls Smilowitschi, kam 1913 nach Paris, wusste praktisch keine Sprache und befand sich in einem ständigen materiellen Notstand. Modigliani, ein Sohn der liguren jüdischen Bourgeoisie, war zu dem Zeitpunkt ihrer Begegnung um 1915–1916 bereits eine bemerkenswerte, wenn auch skandalöse Figur in den Kreisen der «Wabe» (La Ruche) und des Cafés «Ronde». Mehrere Faktoren förderten ihre Annäherung:
Ähnlicher ethnokultureller Hintergrund: Beide waren Juden, obwohl sie sich in unterschiedlichem Maße religiös identifizierten.
Ähnlicher sozialer Status: Künstler-Autoren, die neither in den kommerziellen noch in den radikalen avantgardistischen Kontext passten.
Psychologische Komplementarität: Der extrovertierte, charismatische Modigliani nahm den introvertierten, sozial nicht angepassten Soutine unter seinen Schirm, übernahm die Funktionen eines Leiters, ...
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