Monolithische Kirchen von Lalibela: Architektur-geologischer Phänomen als theologischer Text
Der Komplex aus 11 monolithischen Kirchen in der Stadt Lalibela im Norden Äthiopiens stellt eines der außergewöhnlichsten Errungenschaften in der Geschichte der Weltarchitektur und sakralen Kunst dar. Geschaffen im 12. bis 13. Jahrhundert, sind diese Bauten nicht nur Bauwerke, sondern geologische Skulpturen, bei denen der Prozess der Materialentnahme (das Ausschneiden aus einem ganzen Felsblock) auf das Niveau einer theologischen Konzeption gebracht wird. Ihr Studium liegt am Übergang zwischen Archäologie, strukturgeologischer Forschung, Religionsgeschichte und Anthropologie.
Geologischer und ingenieurtechnischer Phänomen: Architektur durch Entfernen
Im Gegensatz zum klassischen Bauwesen, wo ein Gebäude aus einzelnen Elementen aufgebaut wird (additiver Ansatz), wurden die Kirchen von Lalibela subtraktiv geschaffen — durch das Entfernen von vulkanischem Tuff (eine relativ weiche, aber widerstandsfähige Gesteinsart). Dieser Ansatz erforderte unvorstellbares räumliches Denken und Genauigkeit.
Technik des «Ausschneidens aus innen». Die Bauherren begannen mit dem Ausgraben eines tiefen Grabens um den zukünftigen Kirchblock, der ihn vom Felsmassiv trennte. Dann schneiden sie innerhalb dieses riesigen «Steins» Räume, Säulen, Fenster, Arkaden und dekorative Elemente aus. Ein Fehler im Berechnung war unzulässig — es war nicht möglich, eine zersplitterte Säule zu ersetzen.
Mehrlagige System. Der Komplex umfasst Kirchen dreier Typen:
Volständig monolithisch, vollständig vom Felsmassiv getrennt, mit Ausnahme des Fundaments (z.B. Bet Giorgis — Kirche des Heiligen Georg).
Halb-monolithisch, an einer oder mehreren Wänden an den verbleibenden Felsen angeschlossen.
Aus Höhlen herausgeschnitten.
Ingenieurtechnische Lösungen für Hydrogeologie. Das Klima von Lalibela ist durch saisonale Regenfälle gekennzeichnet. Die Schöpfer entwickelten ein komplexes Drainagesystem, Gräben und Ableitungen, vi ...
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