Christusbilder in der antiken Mythologie: von Wjascheslaw Iwanow bis zu den tiefen Archetypen Kann ein heidnischer Gott ein Vorgänger Christi sein? Eine Frage, die für einen strengen Theologen fast verhöhnend klingt, aber die seit Jahrhunderten Philosophen, Dichter und Sucher nach dem Sinn beschäftigt hat. Besonders dringlich wurde sie am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert, als russische Symbolisten, insbesondere Wjascheslaw Iwanow, den mutigen Versuch unternahmen, in antiken Mythen nicht nur «heidnische Finsternis», sondern undeutliche Ahnungen, Prophezeiungen und sogar Vorbilder Christi zu sehen. Es geht nicht um direkte Allegorien, sondern um eine tiefere typologische Verbindung: darum, dass die griechisch-römische Mythologie, wie auch die alttestamentliche Geschichte, Teil eines allgemeinen göttlichen Plans war, der die Menschheit auf das Kommen des Retters vorbereitete. Diese Idee, radikal für ihre Zeit, öffnete einen neuen Blick auf die Antike — nicht als auf «christusvorhistorische Finsternis», sondern als auf «Gnadengesang in Sprachen». Der «religiöse Synthese» von Wjascheslaw Iwanow: der Mythos als Ahnung Wjascheslaw Iwanow, Dichter, Philologe, Philosoph, einer der Haupttheoretiker des russischen Symbolismus, entwickelte die Konzeption des «religiösen Syntheses», in der die antike Mythologie einen zentralen Platz einnahm. Er behauptete, dass heidnische Kulte, insbesondere die Mysterien, nicht einfach Aberglauben, sondern «Geheimnisse» waren, die über Christus prophezeiten. Für Iwanow war der Mythos kein Wahn, sondern ein lebendiges Zeugnis dafür, dass der menschliche Geist immer nach Gott suchte. Und in dieser Suche stieß er auf Bilder, die, ohne es zu wissen, auf Christus hinwiesen. Iwanow schrieb, dass die Antike ein «unvollendetes» Christentum war, und das Christentum ein «vollendetes» Antike. Für ihn waren Dionysos, Orpheus, Prometheus und andere Helden nicht einfach heidnische Götter, sondern «Ahnungen» und «Prophezeiungen» über die Inkarnation, ...
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