Paidéia und ihr Potenzial heute
Der Begriff «Paidéia» (παιδεία), zentral für die antike griechische Kultur, hat in modernen Sprachen keinen direkten Äquivalent. Es ist nicht nur «Bildung», «Schulung» oder «Erziehung», sondern ein umfassender Prozess der Gestaltung des idealen Menschen und Bürgers – ein harmonischer Ausbau von Körper, Geist und Seele in Übereinstimmung mit höheren ethischen und ästhetischen Idealen. Dank der Arbeiten des deutschen Philologen Werner Jaeger («Paidéia. Die Bildung des antiken Griechen», 1934) wurde das Konzept im 20. Jahrhundert als Antwort auf den Krisis des Humanismus wiederbelebt. Heute, unter den Bedingungen neuer sozialer und technologischer Herausforderungen, gewinnt Paidéia wieder ihre Aktualität als potenzielle philosophische Grundlage für die Neugestaltung des Bildungswesens.
Die Essenz der antiken Paidéia: vom homerischen Aristos zum attischen Bürger
Ursprünglich, in der homerischen Epoche, war das Ideal der Aristos – «beste Krieger», der durch Tapferkeit (arête), körperliche Stärke und Eloquenz auszeichnet. Allerdings mit der Geburt des Polis (Staat) im 5.-4. Jahrhundert v. Chr. wird Paidéia zu einem Bürgerprojekt. Ihr Ziel wird die Kalokagathie – die Einheit von innerem Edelmut (agathos) und äußerem Perfektion (kalos) –. Ein interessanter Fakt: In Athen bestand das Institut der Ephébie – eine zweijährige staatliche Dienstleistung für Jungen im Alter von 18 bis 20 Jahren, die intensive militärische Vorbereitung mit Unterricht in Rhetorik, Philosophie und Zivilrecht kombinierte, was die Idee der umfassenden Erziehung direkt zum Ausdruck brachte.
Die Pfeiler der klassischen Paidéia waren:
Gymnastik – Sorge um den Körper.
Musikische Künste (mousike) – das Studium von Dichtung, Musik, Grammatik, Rhetorik, Philosophie zur Entwicklung der Seele und des Geistes.
Philosophie (bei Platon und Aristoteles) – als höchste Stufe, die zur Erkenntnis der Wahrheit, des Glücks und der Gerechtigkeit führt.
Jaeger und der «Dritte Humanismus»: ...
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