Russische Literatur in Europa: Von der Exotik zum Kanon
Einführung: Spät, aber triumphal entdeckt
Die Auswirkung der russischen Literatur auf die europäische Kultur war einer der beeindruckendsten Phänomene des «kulturellen Imports» im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu Frankreich oder England, deren literarische Traditionen Jahrhunderte lang europäisches Erbe waren, war Russland ein «junges» literarisches Land, whose Stimme erst Mitte des 19. Jahrhunderts im Westen gehört wurde, aber dann eine Kraft erlangte, die mit dem Einfluss von Shakespeare oder Goethe vergleichbar war. Diese Einführung war nicht nur ein Kennenlernen einer neuen nationalen Literatur, sondern ein kultureller Schock, der die Vorstellungen von Psychologismus, philosophischer Tiefe und sozialer Mission des Romans umstellt hat.
1. Etappen und Kanäle der Einführung: Vermittler und Übersetzungen
Am Anfang nahm Europa die russische Literatur über den französischen kulturellen Filter wahr, was durch den Status des Französischen als Sprache der internationalen Kommunikation der Eliten bedingt war.
Pioniere der Übersetzung: Eine Schlüsselrolle spielte die Pariser Verlegerin und Übersetzerin Charlotte de Messine (Mme de Messine), die in den 1840er und 1850er Jahren Gogol, Turgenjew, Lermontow der französischen Öffentlichkeit bekannt gemacht hat. Parallel arbeitete der Übersetzer Wilhelm Wolffson in Deutschland. Die ersten Übersetzungen waren oft unvollständig, angepasst, stilschlich verfremdet.
Iwan Turgenew – «Europäer» und Kulturbotschafter: Viele Jahre in Baden-Baden und Paris lebend, brachte Turgenew persönlich der europäischen Intelligenz (Flaubert, Zola, Maupassant, George Sand) die russische Literatur näher. Seine eigenen Romane («Väter und Kinder», «Dorf der Adligen»), die in europäische Sprachen übersetzt wurden, wurden zu einer Brücke zu komplexeren Autoren. Turgenew stellte Russland als Land tiefer sozialer Konflikte und feiner seelischer Bewegungen dar.
Der Durchbruch der 188 ...
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