Saturnalien und ihr heutiger Sinn: Der Archetyp des Karnevals auf der Suche nach einem modernen Sprachgebrauch
Der römische Festtag der Saturnalien (etwa 17-23. Dezember) scheint auf den ersten Blick ein historischer Kuriosum zu sein — eine Woche der Feste, Spiele und Allmacht. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass es ein universeller kultureller Code ist, dessen Sinngehalte eine erstaunliche Aktualität im modernen Welt haben und sich in neue soziale und psychologische Praktiken transformieren. Das Verständnis der Saturnalien ist der Schlüssel zum Bewusstsein der grundlegenden Bedürfnisse der Gesellschaft nach periodischem Entspannen, der Inversion der Normen und dem symbolischen Erneuern.
Wesen und Struktur des antiken Ritus
Die Saturnalien waren dem Saturn, dem Gott der Landwirtschaft, des goldenen Zeitalters und der Zeit gewidmet, als nach Überlieferung keine sozialen Unterschiede bestanden. Das Kernstück des Festes war die rituelle Inversion der sozialen Hierarchie:
Absetzung der Stellungen: Sklaven wurden von der Arbeit befreit, sahen mit ihren Herren an einem Tisch und die letztgenannten durften sogar ihre Bedienung leisten. Überdies wurde innerhalb der Familie (Hofsgesellschaft) ein «Saturnalicius princeps» gewählt, oft aus der Mitte der Sklaven oder Kinder, deren vorläufige Befehle uneingeschränkt ausgeführt werden mussten.
Absetzung der Formalitäten: Die geschäftliche Kleidung (toga) wurde abgelegt, alle trugen eine einfache synthesis (leichte Decke) und freien Wolle-Hut (pilleus) — ein Symbol der Freiheit.
Atmosphäre des allgemeinen Gleichheitsgefühls und des Überflusses: Überall fanden Wettkämpfe (im Rest der Zeit verboten) statt, Feste wurden veranstaltet, symbolische Geschenke (sigillaria — Wachsplastik oder Tonfiguren) wurden ausgetauscht. Der Schrei «Io Saturnalia!» hallte überall als Formel des festlichen Gelächters.
Wichtiger Aspekt: Diese Inversion war streng rituell und zeitlich begrenzt. Sie hatte nicht das Ziel der Revolution, sondern ...
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