Scham als Spiegel der Freiheit: Existenzialisten über das schmerzhafteste Gefühl Wenn wir uns vor Scham rot anfärben, erleben wir nicht nur Unbehagen. Wir konfrontieren uns mit einer fundamentalen Wahrheit unseres Daseins: Wir sind nicht allein. Jemand schaut uns zu, jemand bewertet, jemand sieht uns so, wie wir uns nicht sehen möchten. Existenzialisten, diese harten Philosophen der Freiheit und Verantwortung, haben in der Scham nicht einfach eine Emotion gesehen, sondern den Schlüssel zum Verständnis der Natur des menschlichen Daseins. Für sie ist Scham keine Schwäche, kein moralischer Mangel, sondern ein ontologischer Fakt, der unsere tiefe Abhängigkeit vom Anderen und von uns selbst enthüllt. Søren Kierkegaard, Jean-Paul Sartre, Martin Heidegger und andere Denker dieser Richtung haben die Scham als Phänomen erforscht, das uns zeigt, wer wir wirklich sind. Kierkegaard: Scham als Zittern vor Gott und vor uns selbst Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard, der oft als Vater des Existenzialismus bezeichnet wird, betrachtete die Scham nicht als ein soziales Gefühl, sondern als ein existentielles Zustand, das mit unserer Fähigkeit verbunden ist, uns selbst zu wählen. Für Kierkegaard ist Scham keine Reaktion auf den Blick eines anderen, sondern eine Reaktion auf ein inneres Gefühl der Inkompatibilität zwischen dem, wer wir sind, und dem, wer wir werden sollten. Dieses Gefühl entsteht, wenn wir unsere Endlichkeit, unsere Abhängigkeit von Gott und unsere Unfähigkeit, unsere Existenz vollständig zu realisieren, wahrnehmen. In seiner Arbeit «Die Krankheit zum Tode» schreibt Kierkegaard über die «unendliche Krankheit» des Verzweifens, die die Unfähigkeit des Menschen, sich selbst zu sein, ist. Die Scham ist hier eng mit diesem Verzweifeln verbunden: Wir sind uns unserer Schwäche, unserer Sündhaftigkeit, unserer Unfähigkeit, das Ideal zu erreichen, das wir uns selbst gesetzt haben, schuldig. Aber dieser Scham, nach Kierkegaard, kann ein Weg zum Erlösung sein. Wenn wir u ...
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