Tanz in den Werken Strawinskis: Ritus, Aufstand und neoklassischer Konstrukt
Igor Strawinsky, dessen Schaffen einen seismischen Bruch in der Musik des 20. Jahrhunderts darstellte, betrachtete den Tanz nicht als Zierde oder Vergnügen, sondern als urwüchsiges Kraftfeld, archetypischer Ritus und präziser architektonischer Entwurf. Vom «russischen» Ballett bis zu den neoklassischen Partituren hat der Tanz bei Strawinsky von der heidnischen Kraft zur intellektuellen Spielerei evolviert, stets remaining eine Laboratorium seiner radikalsten musikalischen Ideen. Seine Werke für die Bühne sind nicht Musik zum Tanz, sondern Musik, die untrennbar mit dem Tanz seiner ursprünglichen Essenz verbunden ist.
1. «Russischer Zeitraum»: Tanz als prähistorischer Ritus und nationaler Mythos
Die drei Ballette, die für die «Russischen Saison» Diaghilevs geschaffen wurden, haben die Vorstellungen vom Bühnenkunst zerstört, eine neue Paradigma vorgeschlagen, wo Tanz und Musik in einem archaischen Akt von Macht verschmolzen.
«Der Feuervogel» (1910): Hier behält der Tanz noch einen Teil seiner mythologischen Divertissements bei, aber bereits durch die Idee des Ritus durchzogen. Die Tanzszene des Pogani Tsarstva («Tanz des Zaren Katschey») ist nicht ein typischer Nummer, sondern eine choreografische Verkörperung des Bösen, eines verzauberten Kreises, wo schwerfällige, mechanische Bewegungen die düstere Orchesterstruktur mit ihren Dissonanzen und «froren» Harmonien widerspiegeln.
«Petruschka» (1911): Der Tanz wird zum Instrument der gesellschaftlichen Satire und Tragikomödie. Die Straßenfeste am Maslenitsa werden durch die Überlagerung mehrerer Musik- und Bewegungslagen dargestellt, was zu einem chaotischen, aber organisierten Massenphänomen führt. Aber das Schlüsselerlebnis ist der Tanz der Puppe Petruschka. Seine eckigen, «geknackten» Bewegungen, die nicht mit der lyrischen Thematik übereinstimmen (berühmte «Petruschka-Korde» — ein komplexes Kombination von Tonalitäten C-dur und F#-dur), verans ...
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