Der Londoner Theater als kultureller Phänomen: Von den Volksbühnen zur globalen Szene-Labor
Das Londoner Theater ist nicht nur eine Branche der Unterhaltung, sondern ein einzigartiges kulturelles Organismus, das die englische Identität während fünf Jahrhunderten geformt hat. Seine Geschichte spiegelt die grundlegenden sozialen, politischen und technologischen Veränderungen wider, und sein aktuelles Zustand stellt eine dynamische Synthese aus kommerziellem Mainstream, staatlicher Unterstützung und avantgardistischem Experiment dar.
1. Geburt des öffentlichen Theaters: Shakespeare, Globus und sozialer Topf
Im 16. Jahrhundert, dank der Aufhebung der mittelalterlichen Mysterien und dem Wachstum der städtischen Bevölkerung, entstand in London ein prinzipiell neuer Institut — das öffentliche kommerzielle Theater.
Architektonische Revolution: Die Theater «Globus», «Rose», «Swan» wurden jenseits der Stadt, in den «liberty» (Gebieten, die nicht der Kontrolle der Londoner Behörden unterstanden), erbaut. Ihre offene Konstruktion mit einem Innenhof, umgeben von Galerie, war ein Äquivalent eines Herberges. Hier vermischten sich alle Stände: Aristokraten in den Logen, Kaufleute auf den Bänken in den Galerie, einfache Leute («groundlings») standen im Hof. Das Theater wurde eines der ersten demokratischen öffentlichen Räume in England.
Soziale und politische Funktion: Die elisabethanische und jakobinische Drama (Shakespeare, Marlowe, Johnson) war ein mächtiges Instrument der Reflexion über die aktuelle Missstände. Historische Chroniken bildeten das nationale Selbstbewusstsein, Komödien karikierten gesellschaftliche Typen, und Tragödien (wie «Macbeth») untersuchten die Natur der Macht. Das Theater war eine Laboratorium für die neue laizistische Moral in der Ära der religiösen Kriege und politischen Intrigen.
Interessanter Fakt: Die Theater wurden 1642 von dem puritanischen Parlament als «Keimzellen der Unzucht» geschlossen. Ihr Wiederaufbau nach der Restauration (1660) brachte ein z ...
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