Warum gehen Kinder mit Laternen am Martinstag? Symbolik des Lichts in antiken und christlichen Traditionen
Jedes Jahr am 11. November, wenn die Dämmerung hereinbricht, werden die Straßen und Dörfer in Deutschland, Österreich, Teilen der Schweiz, den Niederlanden, Flandern und anderen Regionen Mitteleuropas durch ein leuchtendes Zug der Kinder mit leuchtenden, selbstgemachten Laternen (Laternenumzug) erhellt. Dieser poetische Brauch, der wie ein einfacher Kindergartenfest aussieht, ist in Wahrheit ein komplexes kulturhistorisches Phänomen, in dem antike agrarische Rituale, christliche Hagiographie (Leben der Heiligen) und soziale Pädagogik verschlungen sind.
Historische Grundlage: zwei Legenden über den heiligen Martin
Martin von Tours (ca. 316–397 n. Chr.) ist eine der am meisten verehrten Figuren im westlichen Christentum. Aus seinem Leben sind für die Tradition zwei Episoden am wichtigsten:
Teilung des Mantels (eine Hälfte an den Armenlosen). Als römischer Soldat traf Martin an den Toren von Amiens einen frierenden Armen. Mit seinem Schwert durchtrennte er seinen militärischen Mantel (palludamentum) in zwei Hälften und gab einem Teil dem Armen. In der folgenden Nacht erschien ihm Christus, gekleidet in diese Hälfte des Mantels, und sagte den Engeln: «Martin, noch nur der zu taufen (also der sich zum Taufvorbereiten bereitmachende), habe ich mit diesem Mantel gekleidet». Dieser Akt der Caritas wurde zur zentralen Tugend, die mit dem Heiligen verbunden ist.
Versteckung im Gänsestall und Wahl zum Bischof. Laut der Legende, als die Bewohner von Tours Martin zum Bischof wählen wollten, versteckte sich der bescheidene Mönch, der diese Ehre nicht wollte, im Gänsestall. Doch die goggelnden Gänse gaben seinen Aufenthaltsort preis. Diese humorvolle Geschichte, die vermutlich späteren Ursprungs ist, erklärte die Verbindung des Heiligen mit den Gänse, die zum traditionellen Gericht am Martinstag (Martinsgans) wurden.
Antike Wurzeln: Feuer am Anfang des «dunklen» Jahresz ...
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