Wassily Kandinsky und die Bauhaus: Synthese von Geist und Form
Einführung: Der russische Avantgarde im Herzen des deutschen Modernismus
Die Einladung von Wassily Kandinsky nach der Bauhaus 1922 wurde zu einem bedeutenden Ereignis für beide Seiten. Für die Schule, die von expressionistischem Romantizismus zu einem rationaleren Konstruktivismus überging, war Kandinsky eine einzigartige Figur, die Tiefe theoretischer Gedanken, ein mystisches Weltbild und einen mutigen abstrakten Sprachgebrauch vereinte. Für den Künstler selbst, der die Revolutionäre Russland verlassen hatte, wurde die Bauhaus zu einer «Laboratorium der Zukunft», einer idealen Umgebung zur Realisierung der Ideen über die Synthese der Künste und die Erziehung eines neuen Typus des Kreativen.
Pädagogische System: Von der Intuition zur exakten Wissenschaft
Kandinsky leitete in der Bauhaus die Wandmalerei-Werkstatt, aber sein Hauptbeitrag lag in den Bereichen Theorie und Pädagogik. Er entwickelte und leitete den obligatorischen Einführungskurs «Analytischer Zeichnung» und einen fortgeschrittenen Seminar über abstrakte formale Elemente. Sein pädagogischer Ansatz war eine Systematisierung seiner eigenen künstlerischen Suche.
Grundsätze seines Unterrichts:
Wissenschaftlicher Ansatz zur Abstraktion. Kandinsky lehrte nicht das «freie» Ausdruck, sondern einen präzisen, fast wissenschaftlichen Analyse der Form und des Farben. Er analysierte die Elemente des Kunstwesens (Punkt, Linie, Fläche) als «Atome» des visuellen Sprachgebrauchs, indem er ihre objektiven Eigenschaften und das subjektive psychologische Wirkung studierte. Sein berühmtes Diagramm «Temperatur der Linien» (wo horizontal — «kalt», vertikal — «warm»), ein Beispiel für diesen Ansatz.
Theorie der «inneren Notwendigkeit». Hinter dem formalen Analyse stand eine geistige Absicht. Kandinsky glaubte, dass jede Form und Farbe ein inneres Klang besitzt («Klang»), und die Aufgabe des Künstlers ist es, sie gemäß dem Gesetz der «inneren Notwendigkeit» zu kombini ...
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