Wenn der Mensch auf den Frühling wartet: Neurobiologie, kulturelle Codes und phenologische Uhren
Die Erwartung des Frühlings ist nicht nur ein sentimentales Gefühl, sondern ein komplexer psychophysiologischer Prozess mit tiefen evolutionären, neurobiologischen und soziokulturellen Wurzeln. Seine Chronologie und Intensität werden durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt, von der Länge des Tageslichts bis zum kulturellen Kalender.
Biologische Grundlagen: vom Hypothalamus bis zu den zirkadianen Rhythmen
Der Mensch, wie andere Lebewesen auch, ist Teil der Biosphäre, deren Rhythmen mit den saisonalen Veränderungen synchronisiert sind.
Photoperiodismus. Die Veränderung der Länge des Tageslichts spielt eine entscheidende Rolle. Die Netzhaut des Auges erfängt die Zunahme des Photoperiods, und der Signal über das suprachiasmatische Nucleus des Hypothalamus (die Hauptbiologischen Uhren) beeinflusst das endokrine System. Dies führt zu einer Verringerung der Melatoninproduktion («Nacht- und Winterdämmerungshormon») und einer Zunahme der Serotonin- und Dopaminsekretion, die mit gutem Humor, Motivation und Aktivität verbunden sind. Der Mensch erwacht physisch von der winterlichen biochemischen Dämmerung. Die ersten Anzeichen dieses Wechsels können bereits nach der Wintersonnenwende (21-22. Dezember) festgestellt werden, wenn der Tag beginnt, zu wachsen, obwohl unbewusst.
Seasonale affektive Störung (SAD) und ihr Antipod. Bei einem Teil der Bevölkerung entwickelt sich im Herbst-Winter-Zeitraum ein subdepressives Zustand, das mit einem Lichtmangel verbunden ist. Die Erwartung des Frühlings für diese Menschen ist ein bewusstes und akutes Verlangen, von den Symptomen der SAD befreit zu werden. Im Gegenteil, mit zunehmendem Tageslicht tritt eine Energieflut auf, die subjektiv als «Frühlingsvorfreude» interpretiert wird.
Evolutionäre Gedächtnis. Für unsere Vorfahren bedeutete der Frühling das Ende des Perioden des Nahrungsmittelmangels und des Kältes, die Zunahme der Verfügbarkeit von ...
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