«Abende auf dem Landgut bei Dikanka» als mystischer Weihnachtsthriller: Anatomie des Weihnachtsgrusels
Der Zyklus Nikolai Gogols «Abende auf dem Landgut bei Dikanka» (1831-1832) wird traditionell als Sammlung ukrainischen Volksmärchens wahrgenommen, angereichert mit Humor und Romantik. Allerdings zeigt eine sorgfältige Analyse, insbesondere der ersten Teil, eine andere Seite: Dies ist die Architektur des weihnachtlichen mystischen Thrillers, wo das Komische nur als Kontrapunkt dient, um den wahren, volkskundlich begründeten Schrecken zu verstärken. Gogol notiert nicht einfach Märchen, sondern konstruiert eine literarische Modell des «schrecklichen Abends», wo der Weihnachtszyklus (Heilige Drei Könige) als ideale Szene für die Begegnung des Menschen mit dem Irrationalen dient.
Der weihnachtliche Chronotop: Zeit der offenen Grenzen
Der Schlüssel zum Verständnis der Thriller-Natur der «Abende» liegt in der Wahl der Handlungszeit. Die Heilige Drei Könige (Zeitraum von Weihnachten bis zur Taufe) in der slawischen Tradition sind «Grenzzeit», wenn die Grenzen zwischen den Welten der Lebenden, der Toten und der Unheiligen Kraft verdünnt oder vollständig verschwinden. Dies ist keine Metapher, sondern praktisches volkskundliches Wissen, das Gogol als bereitgestellten dramaturgischen Trick des höchsten Spannungsniveaus nutzt.
«Die Nacht vor Weihnachten»: Der Höhepunkt dieses Zeitraums. Die Unheiligen versuchen verzweifelt, in der letzten Nacht ihrer Freiheit vor der Weihe der Welt durch den Festtag Schaden anzurichten. Die Hexe (Solocha) und der Teufel handeln fast offen. Ihre Motive sind nicht abstraktes Böse, sondern konkrete, fast alltägliche Leidenschaften: Die Diebstahl des Monats, die Verführung von Wakula. Diese Veralltäglichung verstärkt nur die Grausamkeit, macht das Übernatürliche zur Teil des Alltags.
«Die verschollene Schrift» und «Das verzauberte Ort`: Hier funktioniert die weihnachtliche Logik auf vollen Touren. Die Helden geraten zufällig in eine andere Realität ...
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