Das Bild Russlands im europäischen Massenbewusstsein bis 1917: zwischen der "barbarischen" Bedrohung und der "geistigen" Hoffnung
Einführung: Ambivalenz als Konstante des Verständnisses
Das Bild des Russischen Reiches im europäischen Massenbewusstsein bis 1917 war niemals monolithisch oder statisch. Es stellte einen komplexen, oft innerlich widersprüchlichen Konstrukt dar, der aus politischer Propaganda, Reiseberichten, literarischer Literatur und Zeitungsklischees besteht. Dieses Bild schwankte zwischen zwei Polen: Russland als barbarische, asiatische, despotische Bedrohung ("Geheime Polizei Europas") und Russland als Quelle spiritueller Tiefe, mystischer Weisheit und ungenutzter Ressourcen ("heiliger Gral" für Politiker und Unternehmer). Die Hauptvertriebspartner waren die Eliten (Politiker, Schriftsteller), deren Konzepte durch das Bildungssystem, die Presse und die populäre Kultur an die Massen weitergegeben wurden.
1. Faktoren der Bildbildung: Informationskanäle
Das Massenbewusstsein (hauptsächlich der städtischen Schichten) wurde beeinflusst durch:
Politische Rhetorik und Karikatur: Nach dem Sieg über Napoleon und insbesondere nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands (1849) etablierte sich Nikolaus I. in der europäischen Presse als "Geheime Polizei Europas". Karikaturen zeigten Russland als Bär, der Freiheit drückt, oder als Doppeladler mit blutigen Klauen.
Reiseberichte (travelle writing): Bücher der Franzosen Austerlitz de Courcy ("Russland im Jahre 1839") und Marquis de Custine, der Engländer Giles Fletcher und später Maurice Baring. Der einflussreichste war de Custine, whose Arbeit, despite its Subjektivität, zu einer Enzyklopädie antirussischer Stereotypen für Generationen von Europäern wurde: allgemeiner Sklavenmentalität, allgegenwärtigem Despotismus, fehlender echter Zivilisation.
Literarische Literatur: Das Bild Russlands wurde sowohl von Ausländern (Jules Verne in "Michaile Strogowe" — das Land der Barbaren und der Verbannung) als auch von ...
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