Das Sprichwort «C’est la Bérézina»: Geschichte und Gegenwart. Von der militärischen Katastrophe zum universellen Symbol des Scheiterns
Einleitung: Toponym als Sprichwort
Das französische Ausdruck «C’est la Bérézina» (ausgesprochen [se lja berezina]) stellt ein einzigartiges lingvkulturelles Phänomen dar: Der Name des belarussischen Flusses Berezina wurde im Französischen zu einem Sprichwort, das eine vollständige Katastrophe, eine vernichtende Niederlage, ein chaotisches und tragisches Fluchtgeschehen bedeutet. Dies ist ein Beispiel dafür, wie ein konkretes historisches Ereignis, das eine enorme traumatische Kraft für das nationale Bewusstsein besitzt, sich im Sprachgebrauch in einer universellen Formel für das Scheitern jeglichen Ausmaßes kristallisiert — von einem persönlichen Misserfolg bis hin zu einer kollektiven Tragödie.
1. Historischer Substrat: Katastrophe der Großen Armee im November 1812
Das Ereignis, das dem Sprichwort seinen Ursprung gab, war die Überquerung der Reste der napoleonischen Grande Armée über die Berezina vom 26. bis 29. November 1812 während der Rückkehr aus Russland.
Kontext und Substanz der Katastrophe:Nach dem Verlassen Moskaus und der vernichtenden Niederlage unter Wjazymsk und Krasnyj strebte die demoralisierte Armee Napoleons (etwa 40-50 tausend kämpffähige Soldaten bei Zehntausenden von Nichtkombattanten) nach dem einzigen verbliebenen Brücke über die Berezina bei Borisow. Allerdings hatten die russischen Truppen unter dem Kommando des Admirals Tschitschagow die Stadt besetzt und den Brücke zerstört. Die Situation schien ausweglos: von drei Seiten wurden die Armeen Kutusows, Wittingens und Tschitschagows enger zusammengequetscht, hinter ihnen lag der kalte, hungrige Marsch.
Napoleon gelang es durch einen Bluff, Tschitschagow abzulenken, und in einem kritischen Moment wurden zwei vorläufige Brücken von den französischen Pontonieren unter dem Kommando des Generals Eble bei dem Dorf Studenka, 15 km nördlich von Borisow, errichtet. Dies ...
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