Der ideale Held in den Werken von Charles Dickens: Evolution von „Engel im Haus“ bis zum moralischen Stoiker
Einführung: Die Dilemma des dickensschen Ideals
In den Werken von Charles Dickens gibt es keinen einheitlichen, statischen Bild des „idealen Helden“ im Ritter- oder romantischen Sinne. Sein Heldentum liegt nicht in übernatürlichen Taten oder sozialen Triumphen, sondern in der moralischen Haltung, der Fähigkeit zur Mitgefühl und der Erhaltung der Menschlichkeit in einem harten und ungerechten Welt. Die Evolution dieses Ideals von den frühen bis zu den späten Romanen spiegelt die Komplexität des sozialen Pessimismus Dickenss und die Verschiebung des Akzents von passivem Leiden zu aktiver, wenn auch lokaler, Widerstand gegen das Böse wider. Der ideale Held Dickenss ist eine Antwort auf die Herausforderungen seiner Zeit: utopisch für seine Zeitgenossen und tief humanistisch für seine Nachkommen.
1. Frühe Phase: Held als passiver Leidender und „Engel im Haus“
In den frühen Romanen („Oliver Twist“, „Nicholas Nickleby“) wird der ideale Held oft in zwei Erscheinungsformen dargestellt:
Kindesopfer, das seine Unschuld bewahrt. Oliver Twist ist ein archetypisches Beispiel. Sein „Ideal“ liegt in der passiven, fast zauberhaften Bewahrung der angeborenen Güte und edlen Manieren vor den Schrecken des Arbeitshauses, der Bande der Diebe und der sozialen Ungerechtigkeit. Sein Heldentum liegt in der Widerstandskraft gegen das Verderben, nicht in der aktiven Veränderung der Welt. Er ist ein zu Rettendes, nicht ein Subjekt der Handlung.
Weibliches Ideal: „Engel im Haus“ (The Angel in the House). Rose Maylie („Oliver Twist“), Kate Nickleby, Agnes Wickfield („David Copperfield“) verkörpern den viktorianischen Cult der weiblichen Reinheit, des Selbstopferung und der häuslichen Tugend. Ihre Kraft liegt in dem moralischen Einfluss, der Geduld und der Fähigkeit, ein „ruhiger Hafen“ für den Mann zu sein. Ihre Rolle ist zu retten und zu inspirieren, nicht selbst aktiv zu handeln.
2. Reif ...
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