Die Szene der Beschneidung des Herrn in der Ikonographie: Theologie, Kanon und visuelle Paradoxie
Die Ikonographie der Beschneidung des Herrn stellt ein einzigartiges und komplexes theologisch-künstlerisches Phänomen dar. Sie stellt das Ereignis dar, das in einem Vers des Evangeliums nach Lukas (2:21) beschrieben wird, und stößt auf eine Reihe von Paradoxien: Wie kann der jüdische Brauch im christlichen sakralen Raum visualisiert werden? Wie kann die Erniedrigung (Kénosis) des Sohnes Gottes gezeigt werden, ohne Sein Ansehen zu verletzen? Wie kann der Alte Testament mit dem Neuen verbunden werden? Die Lösung dieser Aufgaben führte zur Bildung einer strengen ikonographischen Schema, das mit symbolischen Details angereichert ist.
1. Quellen und die Entstehung des Kanons.
Es gibt keine direkten Beschreibungen des Brauchs im Neuen Testament. Daher stützten sich die Ikonographen auf:
Das Protoevangelium Jakobus (apokryphes Text des 2. Jahrhunderts), wo die Beschneidung von einer jüdischen Hebamme vollzogen wird.
Die liturgischen Texte des Festes (Hymnen, Trophäen), die theologische Aspekte betonen.
Die Vorstellungen vom traditionellen jüdischen Brauch, die durch kulturellen Kontakt bekannt sind.
Die kanonische Komposition wurde im postikonokratischen Zeitalter (IX-XI Jahrhunderten) in der byzantinischen Kunst entwickelt und von der alten russischen Tradition angenommen. Sie gehört zum Typ der «festlichen» Ikonen, die in den Zyklus der zwölf grossen Feste eingehen, obwohl sie nicht zu ihnen gehört.
2. Hauptelemente der Komposition und ihre Symbolik.
Die Szene entwickelt sich fast immer innerhalb eines Tempels, was sofort den sakralen Kontext vorgibt. Die Architektur wird häufig den Choragus (Dachkuppel) auf Säulen über dem Altar darstellen, der an die alttestamentliche Schrein oder den jerusalemischen Tempel erinnert.
Die zentrale Gruppe:
Der Jesuskind: Dargestellt auf einem hohen Altar oder in den Händen des Priesters. Der Schlüsselmerkmal – Seine Nacktheit (teilweise ode ...
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