Gut und Böse. Zwei Kräfte, die sich anscheinend im ewigen Gegensatz befinden. In der russischen religiösen Gedanken sind das nicht bloß abstrakte Kategorien. Das ist eine lebendige Tragödie, die sich in der Seele jedes Menschen und in der Schicksalsgeschichte der ganzen Welt abspielt. Russische Philosophen versuchten nicht, eine einfache Definition zu geben — sie suchten den Weg zur Überwindung des Bösen. Und sie fanden ihn nicht im Verneinen, sondern in der Verwandlung. In diesem Artikel werden wir die Hauptetappen der russischen religiösen Philosophie durchlaufen und sehen, wie Denker auf die Frage antworteten, was das Böse ist und wie damit umgegangen werden soll.
Wladimir Solowjow: das Böse als Mangel an Ordnung
Der Begründer der russischen religiösen Philosophie, Wladimir Solowjow, betrachtete das Böse nicht als eine selbstständige Kraft, sondern als Verletzung des göttlichen Ordnung. Für Solowjow ist das Böse Chaos, Bruch der Verbindungen, Egoismus. Er behauptete, dass alles Seiende sich nach Einheit mit Gott und miteinander sehnt. Das Böse entsteht, wenn eine einzelne Teilmenge des Universums versucht, zum Zentrum der Welt zu werden. Das nannte er «Egoisierung». Der Kampf gegen das Böse, nach Solowjow, ist nicht die Vernichtung, sondern die Wiederherstellung der Harmonie. Der Mensch ist aufgerufen, nicht als Kämpfer, sondern als Sammler zu sein. Das Böse sollte in das Gute eingefügt und verändert werden. Diese optimistische Konzeption wurde zur Grundlage für die gesamte nachfolgende russische Gedankenwelt.
Fjodor Dostojewskij: das Böse als Versuchung der Freiheit
Fjodor Dostojewskij — mehr ein Künstler als Philosoph, aber sein Einfluss auf die russische religiöse Gedankenwelt ist enorm. Er zeigte das Böse in seiner schrecklichen Anziehungskraft. Seine Helden (Raskolnikow, Stawrogin, Iwan Karamasow) tun nicht einfach das Böse, sondern begründen es philosophisch. Dostojewskij zeigte, dass das Böse oft aus der Freiheit wächst, die der Mensch nicht weiß, wie man ...
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