Heilige Wasser am Fest der Taufe: wissenschaftlicher und religiöser Phänomen
Einführung: der einzigartige Status des Taufwassers
Wasser, das am 18. und 19. Januar (im Vorabend und am Tag des Festes der Taufe des Herrn, oder der Epiphanie) in der christlichen Kirche heilig gesprochen wird, nimmt eine besondere Stellung in der religiösen Praxis und dem volkstümlichen Frömmigkeit ein. Im Gegensatz zum Wasser, das an anderen Tagen heilig gesprochen wird (z.B. bei den moleben), ist das Taufwasser, oder die «große Agiasma» (griech. «Heiligkeit»), von einem einzigartigen Komplex von Glaubensüberzeugungen, Riten und wissenschaftlichen Fragen umgeben. Ihr Phänomen liegt am Übergang zwischen Theologie, Liturgik, Religionswissenschaft, Hydrologie und sogar Biophysik, was einen seltenen Fall darstellt, bei dem ein Objekt des religiösen Kults Gegenstand empirischer Forschung wird.
Theologische und liturgische Grundlagen
Nach dem christlichen Glaubensbekenntnis ist die Heiligung des Wassers am Fest der Taufe ein Gedenken und ein real symbolisches Teilnehmen am Evangeliumsereignis: der Taufe Jesu Christi im Jordan von Johannes dem Täufer. Im Moment des Tauchens Jesu in das Wasser, so glauben die Christen, wurde es durch die göttliche Natur des Sohnes Gottes selbst heilig gesprochen, der an diesem Tag als eines der Gesichter der Heiligen Dreifaltigkeit offenbart wurde (daher der Name «Epiphanie»).
Die Zeremonie der großen Wasserheiligung, die zweimal (am Heiligen Abend und am Tag des Festes) vollzogen wird, ist einer der feierlichsten in den orthodoxen und katholischen (östlichen Ritus) Traditionen. Sie umfasst:
Die Prozession zum Wasserfall («Gang auf den Jordan») oder zur großen Schale in der Kirche.
Die Lesung der alttestamentlichen Prophezeiungen und des Evangelientextes.
Die große Ektene mit speziellen Bitten um die Heiligung des Wassers.
Das dreifache Tauchen des Kreuzes in das Wasser mit dem Gesang des Trope «Im Jordan taufend, Herr…».
Die Segnung des Wassers durch das Kreuz ...
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