«Schönheit rettet die Welt»: von Dostojewskis prophetischem Paradoxon zur ästhetischen Utopie Marcuses
Die berühmte, oft aus dem Kontext gerissene Phrase «Schönheit rettet die Welt» aus F.M. Dostojewskis Roman «Der Idiot» (1868) durchläuft eine komplexe philosophische Evolution und wird Mitte des 20. Jahrhunderts zur Grundlage für radikal verschiedene, aber durch einen gemeinsamen Pathos verbundene ästhetische Projekte. Ihr Weg von der religiös-existentiellen Imperativ bei Dostojewski zur politisch-revolutionären Programme in der nichtmarxistischen Theorie Herbert Marcuses zeigt einen grundlegenden Wandel im Verständnis der Rolle der Ästhetik in der Welt: von der Rettung der Seele zur Rettung der Gesellschaft.
F.M. Dostojewski: Schönheit als Christus und tragischer Bruch
In «Der Idiot» gehört der Satz dem Jungen Ippolit, der ihn als Gedanken des Prinzen Myskin überträgt: «…der Fürst behauptet, dass die Welt von der Schönheit gerettet wird!». Wichtig ist, dass er im Roman als unaufgelöste Antinomie, Paradoxon bleibt, das den Tragismus menschlichen Daseins enthüllt.
Schönheit als Inkarnation Christi: Für Myskin (und in gewisser Weise auch für Dostojewski selbst) ist die höchste Schönheit das Gesicht Christi, «in dem himmlische Ideale auf die Erde gekommen sind». Das ist die Schönheit der Opferliebe, der Demut und des Leidens. Sie ist rettend, weil sie die Seele transformieren, ihr den Weg zu Mitgefühl und Glauben öffnen kann. Beispiel ist die Wirkung des Gemäldes «Toter Christus» von Hans Holbein im Roman, das durch seinen Naturalismus die Möglichkeit der Auferstehung in Frage stellt und einen geistigen Krisen auslöst.
Schönheit als zerstörerische Kraft (Schönheit von Nastassja Filippowna): Hier liegt die Antithese. Die blendende, «schicksalhafte» Schönheit von Nastassja Filippowna rettet nicht, sondern zerstört Leben (ihr eigenen, Myskins, Rogožins). Sie wird zum Werkzeug der Vergeltung gegen die Welt, zum Symbol übermächtiger Leiden und Stolz. «Schönheit ist eine sc ...
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