Inklusion in der modernen Gesellschaft: Von der Anpassung der Umgebung zur Transformation der Norm
Einführung: Evolution der Konzeption — von Integration zu Inklusion
Inklusion im modernen wissenschaftlichen und sozialen Diskurs hat nicht mehr den Synonym für das einfache physische Vorhandensein von «Anderen» in der allgemeinen Umgebung. Dies ist eine Konzeption, die ein systematisches Umarbeiten sozialer Institutionen, Praktiken und kultureller Normen erfordert, um gleiche Teilhabechancen und Selbstverwirklichung für alle Menschen zu gewährleisten, unabhängig von ihren Besonderheiten, Einschränkungen oder sozialen Verhältnissen. Wenn Integration die Anpassung des Menschen an die bestehende, unveränderliche System bedeutet (z.B. die Installation eines Rollstuhlgangs an einer alten Schule), dann ist Inklusion die Transformation des Systems selbst unter Berücksichtigung der Vielfalt des menschlichen Erlebnisses (Gestaltung einer Schule, die von Anfang an für alle zugänglich ist).
Philosophische und rechtliche Grundlagen: Paradigmenwechsel
Die Grundlage der Inklusion ist der Übergang von der medizinischen zur sozialen Modell der Behinderung. Die medizinische Modell betrachtet Einschränkungen als persönliche Probleme («Defekte») des Menschen, die behandelt oder korrigiert werden müssen. Die soziale Modell, entwickelt vom britischen Behindertenrechtsbewegung in den 1970er Jahren, behauptet: Behinderung wird nicht durch den Gesundheitszustand selbst, sondern durch Barrieren (architektonische, informationsbezogene, kommunikative, relationale), die die Gesellschaft aufstellt, geschaffen.
Dieses Modell wurde im Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte der Behindereten (2006) institutionalisiert, das den ersten internationalen Dokument ist, der Inklusion als Recht und Verpflichtung der Staaten verankert. Das Übereinkommen erfordert nicht nur Nichtdiskriminierung, sondern «vernünftige Anpassung» (reasonable accommodation) der Umgebung und Universal Design (universa ...
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