Kultur und Berge: die Semeiosphäre der Vertikale
Einführung: der Berg als kultureller Konstrukt
Berge, als einer der grundlegenden Elemente des physischen Landschafts, sind auch mächtige kulturelle Konstrukte. Sie funktionieren in mythologischen, religiösen, künstlerischen und philosophischen Systemen nicht als passiver Hintergrund, sondern als aktive semantische Akteure. Die kulturelle Eroberung der Berge ist ein Prozess ihrer Semantisierung, der ihnen Bedeutungen verleiht, die von sakraler Furcht bis zu ästhetischem Ekstas, von unüberwindbarem Barrier bis zum Symbol des geistigen Aufstiegs variieren. Die Untersuchung des Interesses von Kultur und Bergen liegt in dem Bereich der kulturellen Geographie, der Ikonologie (Wissenschaft der Bilder) und der Ökokritik.
Berge in Mythologie und Religion: Achse der Welt und Heimat der Götter
Seit der Antike haben Berge als axis mundi (Achse der Welt) gedient, als verbindendes Element zwischen Himmel, Erde und Unterwelt.
Der Olymp in der antiken Griechenland — die Heimat der Götter, unzugänglich für Sterbliche.
Sion in der jüdischen und dann christlichen Tradition — Symbol des göttlichen Präsenz und der Erlösung.
Meru/Sumer in der indischen, buddhistischen und jainistischen Kosmologie — die kosmische Berg in der Mitte der Welt.
Fudschijama im Shintoismus — heilige Berg, Inkarnation des Gottes, Pilgerziel.
Diese heiligen Berge mussten nicht unbedingt die höchsten sein, aber sie wurden Zentren der kulturellen Welt, die sich um sie herum ein Bedeutungsfeld organisierten.
Philosophische und ästhetische Revolution: Von der Furcht zum Erhabenen
Ein kardinaler Wandel in der Wahrnehmung der Berge in der westlichen Kultur fand am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Ästhetik des Erhabenen (sublime) statt, entwickelt von Edmund Burke und Immanuel Kant. Wenn Berge zuvor als «unerwünschte Wucherungen» auf dem Körper der Erde (in der Ausdrucksweise des Philosophen Thomas Hobbes) angesehen wurden, so wurden sie nun als ...
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