Lehre der "Großen Bücher" im klassischen Bildungswesen in den USA: Philosophie, Geschichte, Praxis
Das Programm "Große Bücher" (Great Books) stellt eine der einflussreichsten und diskutabelsten pädagogischen Innovationen des 20. Jahrhunderts in den USA dar. Es ist nicht nur eine Literaturliste, sondern eine umfassende Philosophie des Bildungswesens, die durch den direkten Kontakt mit grundlegenden Texten der westlichen Zivilisation den Aufbau eines intellektuell unabhängigen und ethisch verantwortungsbewussten Menschen anstrebt.
Philosophische und historische Wurzeln
Die Idee geht zurück auf die europäische Tradition der studia humanitatis, aber ihr modernes Erscheinungsbild fand sie in den Werken der amerikanischen Philosophen John Erskine, Mortimer Adler und Robert M. Hutchins. In den 1920er Jahren führte Erskine an der Columbia University einen Seminar über "große Bücher" ein, bei dem die Studenten Originaltexte von Homeros bis Freud lasen und diskutierten, ohne Sekundärliteratur zu berücksichtigen. Der wahre Laboratorium und Symbol der Bewegung wurde jedoch die Universität Chicago unter Rektor Hutchins (1929-1951). Hutchins, enttäuscht vom engen Pragmatismus und der frühen Spezialisierung im amerikanischen Bildungswesen, entwickelte mit Adler ein Modell des allgemeinen Bildungswesens, das ausschließlich auf dem Lesen und dem dialogischen Diskurs der primären Quellen basiert.
Interessanter Fakt: Hutchins und Adler, die beide nicht klassische Philologen waren (einer war Anwalt, der andere Philosoph), sahen in den "großen Büchern" die "großen Ideen" (Great Ideas). Adler schuf später den monumentalen "Sintopicon" — ein zweibändiges Verzeichnis von 102 Schlüsselideen (von "Gott" und "Ursache" bis zu "Sklaverei" und "Krieg"), die durch alle Bände der Reihe Great Books of the Western World (54 Bände, veröffentlicht 1952) verfolgt werden.
Ziele und Methoden: Der sokratische Dialog als Kern
Ziel des Programms ist nicht der Transfer von Wissen, sondern die Entwicklung des ...
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