Pierre de Coubertin über das ritterliche Prinzip der Olympischen Spiele: Ehrenkodex für die moderne Welt
Einführung: Sport als laizistisches Rittertum
Für Baron Pierre de Coubertin war die Wiederbelebung der Olympischen Spiele nicht nur die Wiederherstellung eines sportlichen Wettbewerbs, sondern ein großartiges Bildungs- und moralisches Projekt. Der zentrale Konzept, um den er die ethische Systematik des Olimpismus aufbaute, wurde das «ritterliche Prinzip» (fr. l'esprit chevaleresque). Coubertin sah in dem modernen Sport am Ende des 19. Jahrhunderts die Gefahr, sich zu einem brutalen Professionalismus, nationalen Ehrgeiz und dem Gier nach Profit zu verlieren. Als Gegengift schlug er vor, nicht zur Antike zu appellieren, sondern zu einem späteren Ideal — dem Ritter des Mittelalters, den Sportlerolympian in einen neuen Geistkriegeraristokraten zu verwandeln, der einem strengen Ehrenkodex folgt.
Genese der Idee: Krisis der Zivilisation und Suche nach einem Ideal
Der französische Adelige Coubertin litt schwer unter der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg von 1870-71, die er nicht mit militärischer Schwäche, sondern mit einem moralischen Niedergang, dem Verlust der «männlichen Tugenden» und dem Cultus des Materialismus in Verbindung brachte. Bei der Untersuchung der Systeme der körperlichen Erziehung in England (wo der Ideal des «muskulären Christentums» entwickelt wurde) und der antiken Griechenland kam er zu dem Schluss, dass der Sport eine Schule der Charakterbildung sein sollte. Allerdings war der griechische Athlet nach seiner Meinung zu sehr auf den persönlichen Ruhm und die körperliche Perfektion konzentriert, ohne eine höhere moralische Zielsetzung zu haben. Dieser fehlende Element wurde durch den ritterlichen Ideal ergänzt, der die physische Tapferkeit, die unfehlbare Ethik, das Dienst am höheren Gut (Dame, Kirche, Suzерен) und die Ästhetik des Verhaltens synthetisierte.
Stützen des olympischen Rittertums nach Coubertin
Der ritterliche Kodex f ...
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