Pierre de Coubertin und seine «olympische Religion»: Philosophie des säkularen Kults
Einführung: Von Sport zum Sakralen
Die Konzeption der «olympischen Religion», vorgestellt von Baron Pierre de Coubertin (1863-1937), ist ein zentraler, aber paradoxer Bestandteil seiner Philosophie der Wiederbelebung der Spiele. Das war keine Metapher. Coubertin nutzte bewusst religiöse Terminologie und rituelle Formen, um einen neuen, inhaltlich säkularen, aber formal sakralen Kult zu schaffen, der das Menschengeschlecht um die Ideale körperlicher und geistiger Perfektion zu vereinen sollte. Sein Lehre ist eine Synthese des humanistischen Positivismus des 19. Jahrhunderts, des neopaganischen Hellenismus und einer eigenen Form der Zivilreligion.
Genese der Idee: Krise der Tradition und Suche nach einer neuen Glaubensform
Aufgewachsen in einer aristokratischen katholischen Familie, durchlebte Coubertin einen tiefen Weltanschauungskrisis, die mit der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg (1870-71) und dem Gefühl des Verfalls der geistigen Grundlagen der Gesellschaft verbunden war. Er sah in der Moderne einen Glaubensvakuum, das, seiner Meinung nach, gefüllt werden musste. Sport, insbesondere sein idealisierter antiker Bild, wurde für ihn zum Instrument der Schaffung einer neuen säkularen «Kirche». Durch die Analyse der spartanischen Agelge und der attischen Gymnasion sah er in ihnen nicht nur sportliche Einrichtungen, sondern Institute geistigen und bürgerlichen Erziehung. Seine Reise nach den USA im Jahr 1894, wo er das System der körperlichen Erziehung studierte, und nach England, wo die Ideologie des «muskulären Christentums» (muscular Christianity) dominierte, überzeugte ihn endgültig von der messianischen Rolle des Sports.
Dogmen und Rituale der neuen «Glaubensform»
Die «olympische Religion» Coubertins besaß alle Attribute eines traditionellen Kults:
Dogmen (Prinzipien): Die höchsten Werte waren nicht der Sieg, sondern das Teilnahme; nicht der Triumph, sondern der ...
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