Schuldgefühl und seine Rolle bei der Entwicklung und dem Aufbau der Persönlichkeit
Das Schuldgefühl ist ein komplexes sozial-affektives Phänomen, das eine paradoxale Rolle bei der Entwicklung der Persönlichkeit spielt. Einerseits ist es das Fundament des moralischen Bewusstseins und der gesellschaftlichen Anpassung, andererseits kann es eine Quelle tiefgreifender Neurosen und destruktiven Verhaltens werden. Sein Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit wird nicht durch den eigentlichen Erlebnisfact selbst, sondern durch seinen Ursprung, die Intensität und die Fähigkeit der Persönlichkeit, es konstruktiv zu verarbeiten, bestimmt.
1. Psychologische Natur: Unterschied zu Scham und Mechanismus der Bildung
Aus der Perspektive der psychischen Entwicklung tritt das Schuldgefühl später als das Schamgefühl auf und basiert auf reiferen psychischen Strukturen.
Verantwortung vs. Scham: Das zentrale Unterschied, eingeführt von der Psychologin Helen Lewis und später weiterentwickelt, liegt im Fokus der Bewertung. Das Scham richtet sich auf die gesamte Persönlichkeit («Ich bin schlecht»), es ist global und führt zu dem Wunsch, sich zu verstecken, zu verschwinden. Das Verantwortung hingegen konzentriert sich auf den Handlung (Ich habe schlecht gehandelt»). Es ist spezifisch und ruft das Bedürfnis hervor, die Schuld zu bereinigen, einen Fehler zu korrigieren, sich zu entschuldigen. Somit besitzt das Verantwortung, anders als der toxische Scham, ein potenziell konstruktives und prosoziales Potential.
Genese des Schuldgefühls: Sein Auftreten ist mit der Bildung des inneren Zensors — des Super-Ego (im Sinne der Psychoanalyse) oder der moralischen Schemata (in der kognitiven Psychologie) verbunden. Dies geschieht im Alter von 3 bis 6 Jahren, wenn das Kind soziale Normen und elterliche Verbote annimmt, internerisiert sie. Verantwortung tritt auf, wenn diese internerisierten Regeln verletzt werden, auch im Fehlen eines äußeren Beobachters. Dies ist ein Zeichen dafür, dass Moral ...
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