Russische Schriftsteller über Weihnachten: zwischen Verbot, Erinnerung und Neujahr
Das Thema Weihnachten in der sowjetischen Literatur stellt ein komplexes Phänomen der kulturellen Palimpsest dar, wo der religiöse Festzugsammlig, sukzessive ausgelöscht, ersetzt, aber im Untertext, nostalgischen Erinnerungen und in Form laizistischer Codes erhalten blieb. Nach der Oktoberrevolution von 1917 wurde Weihnachten als religiöses Fest verboten, und ab 1929 wurde der Feiertag abgeschafft. Die kulturelle Politik kämpfte gegen «popische Überbleibsel», indem sie seine Symbolik durch atheistische Propaganda und den neuen, sowjetischen Fest — den Neujahr (ab 1935) — verdrängte. Die Literatur widerspiegelte alle Etappen dieser Transformation: von satirischer Enthüllung bis zu nostalgischer Erinnerung und vollständiger Assimilation durch die Neujahrmythologie.
Erster Schritt (1920er — Anfang der 1930er): Enthüllung und Satire
In der frühen sowjetischen Literatur wurde Weihnachten dargestellt als schädliches, bürgerliches und dunkel matter Überbleibsel, Symbol der Finsternis und sozialen Ungleichheit der alten Welt.
Wladimir Majakowski, Gedicht «Gut!» (1927). In dem berühmten Abschnitt «Wer sein sein will?」 gibt es Zeilen, die direkt den Weihnachtsmythos angreifen: «Und wird Ihnen nicht erscheinen / Der Weihnachtsmann mit dem Sack / der Geschenke / und dem Baum / in den Händen…». Für Majakowski ist Weihnachten ein Teil der Welt des Bürgertums und der Täuschung, der von der Revolution beseitigt werden muss.
Michail Zachenko, Erzählungen. In seinem typischen Stil karikierte er das bürgerliche, heuchlerische Verhalten zum Fest. In den Geschichten über die NEP erscheinen die weihnachtlichen Bräuche als leere Formalität, hinter der sich Gier, Trunkenheit und familiäre Streitigkeiten verbergen. Der religiöse Sinn wird vollständig ignoriert oder als Unvernunft behandelt.
Zweiter Schritt (Mitte der 1930er — 1950er): Übertragung und Ersatz. Geburt des sowjetischen Neujahrs
Ab ...
Читать далее