Waltz "An der schönen blauen Donau" von Johann Strauss Sohn (Op. 314) durchlief eine einzigartige Transformation: von einem missglückten Debüt im Jahr 1867 bis zur Stellung eines nicht offiziellen, aber absolut erkennbaren musikalischen Symbols für die Ankunft des Neujahrs für Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt. Dieser Metamorphose ist ein klassisches Beispiel dafür, wie ein Kunstwerk, das sich vom ursprünglichen Kontext gelöst hat, von der Massenkultur angenommen und als laizistischer Ritual institutionalisiert werden kann. Der Phänomen wurde im 20. Jahrhundert durch ein komplexes Wechselspiel von Medien, Politik und Nostalgie geformt.
Historischer Kontext der Entstehung: Walz nach der Katastrophe
"Der Blaue Donau" wurde 1866 geschrieben, direkt nach der schweren Niederlage Österreichs im Krieg gegen Preußen bei Sadowa. Der Auftrag für eine "lustige Vokalpiere" für das Wiener Männergesangsverein war ein Versuch, den Geist der Bürger zu heben. Die Uraufführung in der instrumentalen Version am 15. Februar 1867 verlief mit gemäßigtem Erfolg, aber die Chorversion (mit banalen Texten über die Wiener Frühling) verursachte im März desselben Jahres einen wahren Triumph. Die Musik, voller Leichtigkeit, strahlendem Melodismus und affirmativem Pathos, wurde dem nationalen Erniedrigung ein akustisches Gegengewicht. Sie eroberte sofort die ganze Welt, wurde zu einem Symbol nicht so sehr einer bestimmten Fluss, sondern eines idealisierten, unbeschwerten Bildes Wiens und der alten Österreich.
Weg zum Neujahrskonzert: Politik und Medien
Der Schlüsselinstitution, die den Walz zum Neujahrshymn machte, war das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.
Entstehung: Die Tradition der Konzerte, die sich auf die Musik der Familie Strauss beziehen, entstand in den schwierigen Zeiten vor und während des Zweiten Weltkriegs. Der erste ähnliche Konzert fand am 31. Dezember 1939 unter der Leitung von Clemens Kraus statt – in einer düstern Atmosphäre, aber mit einem Progra ...
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