Wjatscheslaw Iwanow über den verborgenen Sinn der Dionysien-Mysterien: von Orgasmus zur Verwandlung
Einführung: Dionysos als Schlüssel zum religiösen Bewusstsein
Für Wjatscheslaw Iwanowitsch Iwanow (1866-1949), Dichter des Symbolismus, Philologe und klassischer Gelehrter, war der dionysische Kult nicht nur ein archaischer griechischer Ritus, sondern ein grundlegendes religiöses-philosophisches Phänomen, das die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Geistes und seine Verbindung mit dem Kosmos enthüllt. In seinen Werken («Die Religion des leidenden Gottes in Griechenland», «Dionysos und das Pradionysien», «Der alte Schrecken» u. a.) hat Iwanow eine umfassende und originale Interpretation des Dionysismus als Weg des ekstatischen Überwindens der Individualität und der Vereinigung mit der Lebenskraft vorgeschlagen, der direkt mit den Problemen der Gegenwart in Verbindung steht.
Dionysismus als Religion des «leidenden Gottes»
Iwanow, der sich auf die neuesten für seine Zeit philosophischen und archäologischen Forschungen (Arbeiten von F. Nietzsche, E. Rodde, J. Frazer) stützte, hat das Kernstück des dionysischen Mythos hervorgehoben:
Bräunlicher Dionysos: Gott, der zweimal geboren wird (von Zeus und der sterblichen Semele, dann aus dem Oberschenkel Zeuses), Gott, der stirbt (von Titanen zerrissen) und wiederaufsteht. Das macht ihn zum «leidenden Gott», zum Gott der Opfer.
Titanisches Prinzip: In dem Mythos die Titanen, die den Kleinkind-Dionysos zerrissen haben, — Symbole des zersplitterten, individualisierten, «titanischen» Zustands der Welt und des Menschen. Durch das Aufnehmen von Teilen des Gottes haben die Titanen die göttliche Funke — aber auch das Gewicht der Schuld, die «titanische Verbrechenshaftigkeit» — in die menschliche Natur («titanisch») gebracht.
Sinn der Mysterien: Ziel der orgiastischen Rituale (Mysterien) ist nicht einfach ein wilde Ekstase, sondern eine symbolische Wiederholung des Schicksals des Gottes: das ekstatische «Zerreissen» des individuellen « ...
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