Zaha Hadid und arabische Motive in der Architektur: Dekonstruktion der Tradition in der digitalen Ära
Zaha Hadid (1950-2016), geboren in Bagdad, wurde im westlichen Kontext oft als Architektin eines globalen, denationalisierten Avantgardes wahrgenommen. Ihr Schaffen enthält jedoch einen komplexen und innovativen Dialog mit dem Erbe der arabischen und islamischen Kultur. Dieser Dialog war keine direkte Zitation, sondern eine tiefe Dekonstruktion und Neubewertung räumlicher, geometrischer und ästhetischer Prinzipien des Ostens durch den Linsensor des Parametrisismus und der modernen Philosophie der Form.
Verzicht auf Literalismus: nicht Minarette und Bögen, sondern Abstraktion der Prinzipien
Hadid vermied gezielt direkte historische Anspielungen. Sie interessierte sich nicht für stilistische Klischees, sondern für grundlegende Ideen:
Die Idee der Unendlichkeit und des Abgrunds. Gegenüberstellung der westlichen statischen, zentrischen Komposition — der islamischen Konzeption eines unendlichen Musters, das über das Sichtbare hinausgeht. In ihrer Architektur wird dies durch verschwindende Horizonte, flüssige Formen und das Fehlen klarer Grenzen zwischen Boden, Wand und Dach ausgedrückt. Der Raum wird als endlos fortwährendes Feld wahrgenommen, nicht als Serie geschlossener Räume.
Geometrie und Kaligraphie. Die arabischen Schrift und Ornamente (Ghurih, Arabeske) basieren auf der Transformation der Linie, ihrer Dynamik, dem Krümmen und dem Weben. Die Werke Hadids sind eine architektonische Kaligraphie in drei Dimensionen. Die Linie beschreibt bei ihr nicht den Kontur, sondern wird zur Kraftkurve, die das gesamte Raumgefüge organisiert. Beispiel: der Wohnhausprojekt von Zaha Hadid Architects in Beirut (2019) mit einer Fassade, die an gigantische, erstarbene Bewegungsstreifen erinnert.
Licht und Schatten als Material. In der traditionellen arabischen Architektur schaffen die Maschrabia (geschnitzte Gitter) und die komplexe Spielart des Lichts eine mystische, wechselnde A ...
Читать далее