Frauenbilder in Werken von Charles Dickens: Zwischen viktorianischem Ideal und sozialer Revolte
Einführung: Dickens als Diagnostiker des weiblichen Schicksals
Charles Dickens, oft als Verfechter viktorianischer Familienwerte angesehen, hat eine der komplexesten und widersprüchlichsten Galerie weiblicher Bildnisse in der Literatur des 19. Jahrhunderts geschaffen. Seine Heldinnen sind weit davon entfernt, in ein einheitliches Typusmodell eines «Engels im Haus» zu fallen. Durch ihre Schicksale untersucht er die Grenzen der weiblichen Agilität in einem patriarchalen Gesellschaftssystem, die Tragödie sozialer Einschränkungen und die psychologische Tiefe der Charaktere, die zwischen Pflicht, Leidenschaft und Überleben zerreißen. Die Frauen Dickens sind nicht nur Handlungsfunktionen, sondern vollständige sozialpsychologische Studien.
1. «Engel im Haus»: Tugend als Herausforderung an die Welt
Dieser Archetyp, der dem viktorianischen Ideal entspricht, wird in einer Reihe von Schlüsselheldinnen verkörpert, aber bei Dickens ist er selten statisch.
Agnès Wickfield («David Copperfield») — das kanonische Bild. Ihr Opfermut, ihre Weisheit und ihre unwandelbare Liebe machen sie zur «Leitstern» Davids. Allerdings stellt ihre Passivität und ihr fast übermenschliches Geduldigsein die Realität dieses Ideals in Frage, verwandelt Agnes eher in ein Symbol als in ein lebendiges Mensch.
Ester Summerson («Das kalte Haus») — eine komplexere und entwickelte Version. Als Waise mit dem Stigma der «Unzucht» kämpft sie aktiv gegen ihr Schicksal durch Arbeit, praktisches Mitleid und innere Stärke. Ihre Tugend ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein bewusster und mühsamer Wahl.
Emily (Kleine) Dorothea — der Apogäum dieser Typologie. Ihre engelsgleiche Sanftmut und Selbstopferung (insbesondere gegenüber ihrem Vater) sind mit einer titaniaischen inneren Kraft, Ausdauer und der Fähigkeit, in erniedrigenden Bedingungen ihren Stolz zu bewahren, verbunden. Ihr Ideal ist nicht passiv, sondern aktiv u ...
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