Wirtschaft und Religion: Vom sakralen Tausch zum rationalen Ethos
Einführung: Zwei Systeme der sozialen Regulierung
Wirtschaft und Religion, auf den ersten Blick, erscheinen als gegensätzliche Bereiche: Die erste orientiert sich am materiellen Produktionsprozess und der rationalen Berechnung, die zweite am transzendenten Wert und der Glaube. Historisch und systematisch sind sie jedoch eng miteinander verwoben. Die Religion stellt den ethischen Grundstock bereit, legitimiert wirtschaftliche Institutionen und formt das Verhältnis zu Arbeit, Reichtum und Konsum. Wirtschaftliche Verhältnisse beeinflussen ihrerseits die religiöse Organisation und Praxis. Ihr interaktioneller Prozess ist der Schlüssel zum Verständnis vieler sozialer und historischer Prozesse.
Religion als Quelle wirtschaftsethischer Ethik und Motivation
Der klassische Aufsatz von Max Weber «Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» (1905) bleibt die Ausgangslage für die Analyse. Weber zeigte, dass bestimmte Dogmen des Calvinismus (Lehre vom Prädestiniertheit, «weltliche Askese», das Konzept des «Berufs» — Beruf) eine einzigartige psychologische Motivation für die Kapitalakkumulation schufen.
Arbeit als Beruf: Die protestantische Idee, dass Gott den Menschen zu einer Arbeit an seinem Platz ruft, sakralisierte die berufliche Tätigkeit, machte sie zu einem religiösen Pflicht, und nicht nur zu einem Mittel zum Bestehen.
Weltliche Askese: Der Verzicht auf Luxus und irrationales Konsumieren, aber die Förderung des fleißigen Arbeitens und des Profits als Zeichen göttlicher Segnung führte zur Reinvestition des Kapitals und nicht zu seiner Ausgabe für Luxusgüter. Dies schuf kulturelle Bedingungen für die Akkumulation, die für die Entwicklung des industriellen Kapitalismus notwendig war.
Rationalisierung des Lebens: Der religiöse Pflicht, einen methodischen, geordneten Lebensstil zu führen, wurde auch auf das Geschäft übertragen und förderte die Entwicklung von Buchhaltung, Planung und anderen rationale ...
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