Beschneidung aus medizinischer Sicht: Risikoanalyse, potenzielle Vorteile und bioethische Dilemmata
Medizinische Beschneidung (Circumzision) ist eine chirurgische Maßnahme zur Entfernung der Vorhaut des Penis. Ihre Bewertung aus der Perspektive der evidenzbasierten Medizin ergibt ein komplexes und widersprüchliches Bild, bei dem potenzielle gesundheitliche Vorteile mit den Risiken des Verfahrens, seiner Unumkehrbarkeit und dem Fehlen einer medizinischen Notwendigkeit für die überwiegende Mehrheit der Neugeborenen abgewogen werden müssen. Die medizinische Gemeinschaft in verschiedenen Ländern vertritt unterschiedliche Positionen, die auf epidemiologischen Daten und kulturellem Kontext basieren.
1. Potenzielle medizinische Vorteile: Was sagt die evidenzbasierte Medizin?
Forschungen, hauptsächlich epidemiologischer Natur, deuten auf mehrere Bereiche hin, in denen die Beschneidung das Risiko senken kann:
Senkung des Risikos von Harnwegsinfektionen (HWI) bei Neugeborenen: Das Risiko von HWI bei beschneideten Jungen im ersten Lebensjahr ist um das 5-10-fache niedriger. Der absolute Risiko von HWI bei unbeschneideten Jungen ist jedoch bereits gering (etwa 1%). Um ein Einzelfall von HWI zu verhindern, müssten etwa 100-200 Neugeborene beschnitten werden. Die meisten HWI werden erfolgreich mit Antibiotika behandelt.
Senkung des Risikos von Infektionen, die sexuell übertragen werden (STI): Große randomisierte kontrollierte Studien (RCT), die in Afrika durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass die Beschneidung erwachsener Männer das Risiko einer heterosexuellen HIV-Infektion um 50-60% senkt. Es wird auch eine Senkung des Risikos einer hochonkogenen HPV-Infektion und des Humanen Herpesvirus Typ 2 (HSV-2) beobachtet. Mechanismus: Die keratinisierte Schleimhaut der Glans nach der Beschneidung ist weniger anfällig für Mikroverletzungen und die Penetration von Viren. Wichtig: Dieser Effekt ist für Gruppen mit hohem Risiko in spezifischen epidemiologischen Bedingungen (Afrika südlich ...
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