Bürokraten in den Werken Dickenens: Groteske, Dysfunktion und soziale Diagnose
Einführung: Dickens als Chronist des bürokratischen Absurds
Charles Dickens, der durch die Erfahrung der Arbeit als Klerk in Gerichtskanzleien gegangen ist, wurde einer der ersten und prägnantesten Kritiker der Bürokratie in der Weltliteratur. Seine Bürokraten sind nicht nur satirische Karikaturen, sondern komplexe soziologische und psychologische Typen, die systemische Defekte des staatlichen Apparates und der sozialen Institutionen Victorian Englands verkörpern. Dickens diagnostiziert nicht individuelle Mängel, sondern eine systemische Krankheit, bei der das Verfahren die Zielsetzung ersetzt, Papiere die Menschen verdrängt und Verantwortungslosigkeit zum Prinzip erhoben wird.
1. «Das Amt der Umschreibung» (The Circumlocution Office) als Quintessenz der Dickenenschen Bürokratie
Das zentrale und berühmteste Beispiel ist das «Amt der Umschreibung» aus dem Roman «Little Dorrit» (1855-1857). Dies ist nicht ein Ministerium, sondern eine satirische Modell des gesamten staatlichen Apparates.
Devise und Methode: «Wie nicht zu tun» (How not to do it). Hauptziel des Amtes ist nicht, ein Problem zu lösen, sondern einen Weg zu finden, es zu blockieren, in endlose Überweisungen, Berichte und Abstimmungen zu ertränken. Es existiert, «um alles auf der Welt zu lehren und nichts zu tun».
Prinzip der Tautologie und der kollektiven Verantwortung. Jeglicher Antrag wird im Kreis zwischen den Abteilungen weitergeleitet, nie einen Verantwortlichen finden. Dickens schafft ein groteskes Bild eines Amtes, das «ständig damit beschäftigt war, durch Briefe, wo immer möglich, Ecken abzuschneiden».
Familienzugehörigkeit und kastenhafte Enge. Das Amt ist überflutet von untauglichen Nachkommen aristokratischer Familien (insbesondere des Clans Barnacle), was eine direkte Kritik an der Systempatronage darstellt, bei der Ämter nicht nach Verdiensten, sondern nach Verbindungen vergeben werden.
Historischer Vorbild. Das Bild ...
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