Umgangssitten des höheren Adels in den Werken Dickenss: Anatomie des Eitelkeits, der Faulheit und der gesellschaftlichen Verantwortungslosigkeit
Einführung: Dickens als sozialanthropologischer Eliteforscher
In den Werken Charles Dickenss tritt das höhere Gesellschaftsadel (aristocracy and gentry) nicht als Hintergrund, sondern als Gegenstand scharfer und oft unerbittlicher Analyse hervor. Der Schriftsteller, der aus den sozialen Tiefen kam und mit einer erniedrigenden Patronage-System konfrontiert wurde, schuf eine Galerie von Typen, die die moralische und soziale Dysfunktion der britischen Elite der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts enthüllen. Seine Kritik richtet sich nicht gegen die Aristokratie als Klasse an sich, sondern gegen ihre degenerierten Sitten: Parasitismus, geistige Leere, kaltes Unverständnis für die Leiden der Armen und der Glaube an die eigene Ausnahmequalität, die nur auf Herkunft und Reichtum beruht. Dickens enthüllt den höheren Adel als eine abgeschlossene System, die moralische und soziale Missgebildete hervorbringt.
1. Die Kultur der Äußerlichkeiten und Rituale als Ersatz für die Essenz
Dickens fixiert die pathologische Besorgnis der Aristokratie um Formen anstelle des Inhalts.
Rituellisierte Faulheit. Der höhere Adel lebt in einem abgeschlossenen Kreis sinnloser gesellschaftlicher Rituale: Besuche, Empfange, Balls, Spaltungen. In «Der kalte Haushalt» verbringt Lady Dedlock, die Inkarnation der gesellschaftlichen Löwin, ihr Leben in «schöner Langeweile», ihre Tage sind minutiös geplant, aber ohne jeglichen Sinn, außer der Aufrechterhaltung des Status. Ihr berühmtes «Ich bin von allem müde» ist ein Zeichen eines existenziellen Vakuums.
Fetischisierung von Manieren und Titeln. Sprache, Gesten, das Können, sich zu benehmen, sind wichtiger als Güte oder Intelligenz. Charaktere wie Sir Leicester Dedlock («Der kalte Haushalt») oder Mrs. General («Kleiner Dorothea») sind lebende Summen der Umgangsformen, hinter denen sich eine vollständige emotional ...
Читать далее