Chaim Soutine als Zeuge der Moderne: Fleisch, Schmerz und malerischer Existenzialismus
Einführung: Der «Verfluchte» Künstler als Diagnose der Epoche
Chaim Soutine (1893-1943) wurde lange Zeit als marginales, doch mächtiges Mitglied der Pariser Schule wahrgenommen — der «verfluchte Künstler» im Schatten von Chagall oder Modigliani. Doch in einem Kontext der modernen Kultur und Philosophie erlangt sein Schaffen den Status eines zentralen Zeichens der Moderne, das grundlegende Wunden und Fragen des 20. und 21. Jahrhunderts vorhergesehen hat. Soutine ist nicht nur ein Expressionist; er ist ein Künstler, der durch extreme Deformation von Form und Farbe existentielle Zustände der Fleischlichkeit, Gewalt, Hungersnot und Schmerz erforscht hat und die Malerei selbst zu einem Analogon einer verletzten Subjektivität gemacht hat. Sein Kunstwerk wird in der Ära des Posthumanismus, der Bioethik und des permanenten Krisenwesens immer relevanter.
1. Von der Shtetl nach Montparnasse: die Genese des traumatischen Realismus
Das Leben Sutines ist das Fundament seiner Ästhetik. Die Geburt in einer ärmlichen, großen Familie in Smilowitsch bei Minsk, das religiöse Verbot der Darstellung des Lebendigen («Sünde» des Porträts eines Rabbiners, für das er brutal geschlagen wurde), der Flucht aus dieser Umgebung nach Vilnius und dann nach Paris (1913) — all das hat den Künstler als Flüchtling aus sich selbst und seinem Schicksal geformt. Seine Malerei wurde zum Weg, um körperliche und kulturelle Tabus zu durchbrechen. Hunger und Armut der ersten Jahre in Paris transformierten sich in die obsessive Thematik des Essens als Fleisch — von Rindfleisch bis zur Wildnis. Soutine malte keine Stillleben; er malte anatomische Landschaften einer leidenden Materie.
Interessanter Fakt: Für seine berühmten Bilder mit Fleischstücken («Rindfleisch”, 1925) kaufte Soutine Fleisch auf dem Schlachthof und hängte es in seiner Werkstatt auf, um es mit Blut zu konservieren. Die Nachbarn, empört vom Geruch, riefen die ...
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