Neujahr in slawischen Sagen und Volksglauben: Archetypen, Bräuche und chthonische Gäste
Einführung: Zeit ohne Zeit und sakraler Übergang
Das Konzept des Neujahrs im traditionellen slawischen Volksglauben unterscheidet sich erheblich vom modernen laizistischen Fest. In der vorchristlichen und frühchristlichen Weltsicht war es kein festgelegter Kalenderbruch, sondern ein Teil eines komplexen Winterfestkomplexes, der sich um die Wintersonnenwende (Koleda) und die folgenden Heiligen Drei Könige drehte. Dieser Zeitraum wurde als sakrales «Zeit ohne Zeit» wahrgenommen, in dem die Grenzen zwischen Welten dünn wurden, was sich direkt in den mythologischen und rituellen Geschichten widerspiegelte.
1. Gastgeber des Festes: von Koleda bis zum Moros
Der zentrale mythologische Charakter, der mit dem Winterzyklus verbunden war, war Koleda – Symbol des Sonnenaufgangs. Sein Name ist etymologisch mit lat. «calendae» (erster Tag des Monats) oder slaw. «коло» (Kreis, Sonne) verbunden. Die Koledierenden, die durch die Dörfer gingen und Lieder von Glückwünschen sangen, wurden im volkstümlichen Bewusstsein nicht nur als Verkleidete, sondern als Boten eines anderen Welten dargestellt, deren Worte magische, produktive Kraft hatten.
In den Märchen tritt jedoch häufig die anthropomorphe Erscheinung der winterlichen Elementarität – Moros (Morosko, Studenetz) auf. Im Gegensatz zum späteren Weihnachtsmann ist dieser Charakter ambivalent. Er kann sowohl ein Gabenbringer als auch ein Strafer sein. Das Märchen «Morosko» illustriert diese Duality deutlich: Die Stiefkinsfrau, die ihn mit Demut und Respekt traf, wird reich belohnt, während die böse und grobe leibliche Tochter tot einfriert. Hier tritt Moros als natürliche Kraft und als Richter des moralischen Ordnungswesens auf, was archaische Vorstellungen von Gerechtigkeit widerspiegelt, die von der Natur selbst vollstreckt wird.
2. Struktur der Zeit: wann ist Magie möglich
Die Heiligen Drei Könige (von Weihnachten bis zur Taufe) sind das Hauptzeit ...
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