Pierre Bourdieu über die Religion: Feld, Habitus und symbolischer Kapital
Einleitung: Soziologie als soziale Topografie
Pierre Bourdies (1930-2002) Ansatz zur Untersuchung der Religion ist keine separate «Soziologie der Religion» im klassischen Sinne. Es ist die Anwendung seines universellen analytischen Instruments — der Theorie der Praktiken und der Konzepte des Feldes, des Habitus und der Kapitale — auf den religiösen Phänomen. Für Bourdieu ist Religion nicht nur ein System von Glaubensüberzeugungen oder eine Antwort auf existentielle Fragen, sondern ein spezifisches soziales Raum («Feld»), in dem der Kampf um die Monopolisierung der Produktion und Verteilung religiöser Güter (Errettung, Sinn, Legitimität) stattfindet. Sein Analyse hebt die Heiligkeit der Religion ab, indem sie als Bereich der konkurrenzierenden Auseinandersetzungen um symbolische Macht dargestellt wird.
Schlüsselkonzepte: Feld, Habitus, Kapital
Um Religion auf bourdieusische Weise zu verstehen, ist es notwendig, seine allgemeine Theorie zu klären.
Religiöses Feld ist ein relativ autonomes Raum der sozialen Beziehungen, wo verschiedene Akteure (Priester, Propheten, kirchliche Hierarchien, Laien-Aktivisten, Sekten) verschiedene Positionen einnehmen und miteinander konkurrieren. Der Kampf geht um die Monopolisierung der legitimen Ausübung der Macht über das Heilige, d.h. um das Recht zu bestimmen, was als «richtige» Glaubensüberzeugung, Ritual, Moral gilt. Dieses Feld ist strukturiert um die Opposition offizielle Spezialisten für die Errettung (kirchliche Hierarchie) vs. Laizisten (Laien), und innerhalb der Kirche selbst zwischen Orthodoxie und Ketzerei, Konservativen und Reformatorischen.
Religiöser Habitus ist ein System von Dispositionen (stabilen Schemata der Wahrnehmung, des Denkens und des Handelns), die durch die langfristige Teilnahme am religiösen Brauchtum in den Individuum eingebettet sind. Dies ist nicht das bewusste Wissen der Dogmen, sondern das «religiöse Gespür», das « ...
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