Bürgerbevölkerung als Objekt und Subjekt im Krieg
Einführung: Neubewertung der Rolle der Zivilbevölkerung in militärischen Konflikten
In der klassischen Kriegstheorie von Clausewitz bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Zivilbevölkerung hauptsächlich als Objekt betrachtet: als demografischer und wirtschaftlicher Ressource ("Hinterland"), als Quelle für den Nachschub der Armee und als passive Opfer ("Kollateralschaden" – Schadensersatz) oder als Druckmittel gegen den Gegner. Allerdings hat die historische Praxis, insbesondere seit der Ära der totalen Kriege und der nationalen Befreiungsbewegungen, gezeigt, dass die Zivilbevölkerung oft zu Subjekten wird – aktiven Teilnehmern des Widerstands, Trägern der Legitimität und einem entscheidenden Faktor bei der Erreichung der politischen Ziele des Konflikts. Diese Evolution spiegelt den Übergang von Kabinettkriegen und regulären Armeen zu ideologischen, netzwerk- und hybriden Kriegen wider.
1. Historische Evolution: Von Objekt zur "totalen Mobilisierung"
Antike und Mittelalter: Die Zivilbevölkerung (Bürger der Städte) war oft das Hauptopfer des Gewaltakts (Massaker, Sklaverei) nach der Einnahme einer Festung. Dies war eine Taktik zur Einschüchterung und eine Form der Bezahlung der Truppen. Allerdings wurden die Zivilbevölkerung in den Bauernaufständen (Jacqueries, Hussitenkriege) selbst zu Subjekten des bewaffneten Widerstands.
Ära der "Kabinettkriege" (17.–18. Jahrhundert): Mit der Entwicklung regulärer Armeen und des Völkerrechts (Anfang der Kodifizierung in den Traktaten Hugos Grotius) wurde die Zivilbevölkerung als geschützte Kategorie ausgezeichnet, obwohl dies in der Praxis selten eingehalten wurde. Der Krieg galt als Sache der professionellen Armeen.
Napoleonische und "totale" Kriege (19.–20. Jahrhundert): Umbruch. Napoleon führte die Konskription ein – den massiven召兵 der Zivilbevölkerung in die Armee, machte sie zu Subjekten in der Form von Soldaten. In den ersten und insbesondere im Zweiten Weltkrieg wurde ...
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