A. I. Herzen und England: „Die freie russische Tribüne“ an den Ufern der Themse
Einleitung: „London – der einzige Ort“
Für Alexander Iwanowitsch Herzen (1812–1870), den revolutionären Demokraten, Philosophen und Publizisten, wurde England nicht nur ein Land der Emigration, sondern ein einzigartiges historisches und intellektuelles Labor, in dem er 12 Jahre (1852–1864) lebte – die fruchtbarste Phase seines Lebens. Seine Haltung zu England war tief ambivalent: Es war sowohl die Zitadelle der verhassten bürgerlichen Welt als auch zugleich ein Zufluchtsort, der ihm Meinungsfreiheit gewährte, die auf dem Kontinent nicht zugänglich war. England wurde zum physischen und symbolischen Ort, von dem aus er Russland ansprach und das Phänomen der „freien russischen Presse“ schuf.
England als „politische Arche“ und Zufluchtsort
Nach der Niederlage der Revolutionen von 1848–1849 in Europa befand sich Herzen, enttäuscht und verfolgt, in einer politischen Sackgasse. England mit seinem Asylrecht und der fehlenden Zensur wurde seine Rettung.
Präzedenzfall: Die britische Regierung, trotz ihrer konservativen Haltung, weigerte sich, Herzen den russischen Behörden auszuliefern, trotz diplomatischen Drucks. Dies entsprach der Tradition, politischen Emigranten Asyl zu gewähren (wie zuvor den Carbonari oder Teilnehmern polnischer Aufstände).
Bedeutung: Diese Sicherheit bildete die Grundlage für seine gesamte weitere Tätigkeit. In einem Brief bemerkte er: „London ist der einzige Ort, an dem man heute leben kann... hier gibt es Redefreiheit, und das wird nicht beachtet.“
Kritik an der „Ladenbesitzer-Welt“: Herzen als Analytiker der englischen Gesellschaft
Herzen näherte sich England als scharfsinniger Sozialdenker. Seine Einschätzungen, in Briefen und Essays (später in „Vergangenes und Gedanken“ veröffentlicht), waren unerbittlich.
Fetischismus des Eigentums und „Kleinbürgertum“: Er sah in den Engländern, besonders im Mittelstand, die Triumph des „Kleinbürgertums“ (Philistertum) im globalen Ma ...
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