Arbeit und Stress: Physiologie, Psychologie und soziale Pathologie
Die Interaktion von Arbeit und Stress ist eine der drängendsten Probleme der modernen Arbeitsmedizin, Organisationspsychologie und Soziologie. Arbeitsbezogener Stress (work-related stress) tritt auf, wenn zwischen den Anforderungen, die an den Arbeitnehmer gestellt werden, und den verfügbaren Ressourcen für ihre Erfüllung ein Ungleichgewicht besteht, unter der Voraussetzung einer hohen Bedeutung der Konsequenzen des Misserfolgs.
Physiologische Grundlagen: von der "Kampfuntergang" zur chronischen Entzündung
Die Stressreaktion ist ursprünglich ein adaptiver Mechanismus. Bei der Wahrnehmung einer Bedrohung (Deadline, Konflikt, Überarbeitung) aktiviert der Hypothalamus die Hypothalamo-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse). Die Nebennieren schütten Kortisol und Adrenalin aus, was zu folgendem führt:
Verstärkung des Herzschlags und Erhöhung des Blutdrucks.
Mobilisierung von Glukose im Blut.
Umwälzung des Blutes zu den Muskeln und dem Gehirn.
Unterdrückung "unwichtiger" Funktionen (Verdauung, Immunsystem, Reproduktion).
Das Problem tritt auf, wenn der akute Stress chronisch wird. Ein ständig hohes Niveau von Kortisol führt zu:
Kardiometabolischen Risiken: Hypertonie, Atherosklerose, Insulinresistenz, Adipositas.
Immunologischen Störungen: chronische Entzündung (erhöhter CRP-Spiegel), Abnahme des zellulären Immunsystems, Exazerbation autoimmuner Erkrankungen.
Neurodegenerativen Prozessen: Kortisol ist toxisch für den Hippocampus — die Gehirnregion, die für das Gedächtnis und die Regulation der HPA-Achse verantwortlich ist. Dies schafft einen Teufelskreis: Die Schädigung des Hippocampus schwächt die Fähigkeit, den Stressantwort abzuschalten.
Interessanter Fakt: Die Studie Whitehall II (bei britischen Beamten) zeigte, dass das Risiko für ischämische Herzkrankheiten bei Mitarbeitern mit niedrigem Kontrollüberleg über die Arbeit (hohe Anforderungen + geringe Autonomie) um das 2-4-fache höher war als bei ...
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