Das Bild des Bären in Literatur und Film: von dem totemischen Symbol der Kraft zum Symbol der Verletzlichkeit
Das Bild des Bären in der Weltkultur hat eine der dramatischsten Transformationen durchgemacht: von einem sakralen Totem und Inkarnation der unbesiegbaren Kraft der Natur bis hin zum komischen Dummkopf und schließlich zum komplexen Symbol des ökologischen Krisen und traumatisierter Identität. Diese Evolution spiegelt die Veränderung der Beziehung des Menschen zur wilden Natur und zu sich selbst wider.
Archetypische Wurzeln: Kraft, Herrschaft, Chthonizität
Im Mythos und Folklore belegt der Bär fast immer die höchste Stufe in der zoomorphen Hierarchie.
Totemischer Ahn und Herrscher des Waldes: Bei vielen Völkern des nördlichen Hemisphäres (Slawen, Germanen, Finnisch-Ugrier, Ureinwohner Amerikas und Sibiriens) war der Bär ein heiliges Tier, ein Totem, «Herr des Waldes». Sein Name wurde oft tabuisiert (daher Euphemismen: russ. «Herr», «Kosolapiy», dt. «Meister Petz»). In dieser Funktion verkörperte er die unbesiegbare Kraft, Fruchtbarkeit und Verbindung mit dem chthonischen (unterirdischen) Reich (aufgrund der Winterschlaf in der Höhle, der als Reise ins Reich der Toten und Rückkehr wahrgenommen wurde).
Folkloristischer Dualismus: Im Märchen ist der Bär oft dumm, unbeholfen, aber gefährlich im Zorn. Er kann Antagonist (»Masha und der Bär«) sein, aber auch Helfer (der Bär in »Die Prinzessin auf der Erbse« hilft, den Tod des Koschei zu erlangen). Diese Dualität (Gefahr/ Hilfe) legte die Grundlage für viele spätere Interpretationen.
Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts: vom romantischen Symbol zur Allegorie des Zustands
Iwan Turgenew, »Die Aufzeichnungen eines Jägers« (Erzählung »Die Sänger«): Der Bär ist hier Teil des realistischen Landschaftsbildes, aber bereits als Symbol der mächtigen, aber zurückgehenden, zähmbaren Russland. In der Erzählung »Der Bär« (1888) verwendet Tschechow das Bild in einem komischen Kontext, um einen groben Grundbesitzer zu symbolisier ...
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