Wir lernen von Kindesbeinen an Regeln: Sage danke, lache dir den Gästen zu, unterbreche keine Älteren. Der Etikett ist ein System von Ritualen, das soziale Unebenheiten ausgleicht. Aber was, wenn der Etikett in Konflikt mit der Ehrlichkeit tritt? Muss man für einen ungewollten Geschenk danken? Muss man einem Menschen, der uns nicht gefällt, lächeln? Wo liegt die Grenze zwischen Höflichkeit und Heuchelei? Dieser Konflikt zwischen Ehrlichkeit und Etikett ist eine ewige Dilemma.Etikett als soziale SchmierungDas Etikett ist eine Art Sicherheitsventil. Es ermöglicht uns, mit Menschen in Kontakt zu treten, ohne in Konflikte über jeden Kleinigkeit hineinzukommen. Wenn jeder nur das sagt, was er denkt, würde die Welt in einen ständigen Kampf verwandeln. «Wie geht es dir?» — ein Standardfrage, auf die selten ein ehrlicher Antwort auf Knie- und Scheidungsprobleme erwartet wird. Die etikettische Formel ermöglicht den Austausch von Ritualen und weiterzugehen. Daher ist das Etikett nicht der Feind der Ehrlichkeit, sondern ihr Kontext. Aber das Problem beginnt, wenn das Ritual das Inhalt ersetzt.Warum Ehrlichkeit und Etikett oft im Konflikt stehenDer Konflikt entsteht, wenn die Regeln etwas anderes verlangen, während die Gefühle etwas anderes verlangen. Beispiel: Du bist zu einem Besuch gekommen, wo ein schlechtes Gericht serviert wurde. Das Etikett gebietet, das Gericht zu loben, die Ehrlichkeit — still zu bleiben oder die Wahrheit zu sagen. Oder: Der Chef hat dir ein hässliches Geschenk gegeben. Das Etikett — «Danke, ich freue mich sehr». Die Ehrlichkeit — «Nimm diesen Müll weg». Noch ein Beispiel: Ein Kollege erzählt eine lange Geschichte, die du hundert Mal gehört hast. Das Etikett — zuhören mit einem Lächeln. Die Ehrlichkeit — zu sagen «Das ist mir leid». Ein Mensch, der immer die Ehrlichkeit wählt, wird ein Rüpel sein. Der, der immer das Etikett wählt, wird ein Heuchler sein.«Vorsichtige Lüge»: Für und WiderDie Befürworter des Etiketts sagen: «vorsichtige Lüge» ist notwendi ...
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